Promi-Kult

Konstantin Klein am Donnerstag, 21. Januar 2010, 13:18

(Hinweis: Schon im letzten Jahrtausend, lange vor der Erfindung des Selbstbeschreibungs-Internets, ist der eine oder andere böse Text entstanden…)

Beginnen wir mit Wissenswertem über Mitmenschen. Boris Becker wandert nach Amerika aus. Und Alfred Biolek mag lieber Männer. Und Fritz Egner hat offensichtlich zuviel Geld, das er vor dem Euro nach Übersee retten muß. Und Joschka Fischer ist nicht Vater des Kindes, mit dem seine Noch-Ehefrau derzeit schwanger geht. Und Jürgen W. Möllemann möchte gerne Kanzler werden, weiß aber nicht, wie. Und Arnold Schwarzenegger ißt am liebsten Apfelstrudel nach dem Rezept seiner Mutter. Und Thomas Gottschalk… und Hella von Sinnen… und irgendwo auch noch Rudi Carell… und zwischendurch mal Sabine Christiansen, für die Intellektuellen… und dann wieder Eduard Zimmermann, für alle… und die Back Street Boys… und Luciano Pavarotti, der ja fast schon Verehrung für zwei verbraucht… und Harald Juhnke… ja, vor allem Harald Juhnke.

Diese Mitmenschen haben eines gemeinsam: es sind Prominente. Das Wort klingt so, als ob es aus dem Lateinischen käme. Kommt es auch – es bedeutet laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“. Wir sprechen trotzdem von Prominenten.

Prominent wird man durch die unterschiedlichsten Leistungen. Wer besser Tennis spielt als andere, wird prominent. Wer schneller Auto fährt als andere und dabei auch noch das längste Kinn von allen hat, wird prominent. Wer vor größerem Publikum fehlerfrei Witze erzählen kann, wird prominent – und es spielt dabei keine Rolle, ob er oder sie auch noch singen kann. Wer sich viel Text merken kann, wird durch seine Bühnenerfolge prominent. Wer sich nicht viel Text merken kann, geht zum Film.  Und wer auch nicht wirklich überzeugend andere darstellen kann, findet sein persönliches Prominententum immer noch zuverlässig in einer Seifenoper im Privatfernsehen.

Das hat Folgen.

Erstens müssen sich Nicht-Prominente immer mehr Namen merken, wollen sie auf dem Laufenden bleiben.

Zweitens muß jeder Nicht-Prominente gegenüber anderen Nicht-Prominenten oder möglicherweise auch sich selbst seine Entscheidung verteidigen, gerade für diesen Prominenten zu schwärmen – und einen anderen möglicherweise völlig uninteressant oder sogar widerwärtig zu finden. Damit einher geht natürlich der Zwang, auch über diese uninteressanten Prominenten Bescheid zu wissen – denn wie sonst könnte man beim Fachgespräch unter Nicht-Prominenten überzeugend über die Lieblingsprominenten der anderen den Stab brechen?

Drittens kostet das Geld. Informationen, speziell Exklusivinformationen über Lieblingsprominente, eigene und die der anderen, sind teuer. Und dabei spielt es keine Rolle, ob diese Informationen wahr oder erfunden sind – Kreativität ist mindestens genauso teuer wie wochenlanges Auf-der-Lauer-Liegen.

Viertens kostet das, wenn wir ehrlich sind, Nerven.

Aber der Einsatz ist nicht vergebens. Der Lohn ist: Wissen, Informationen über Menschen, die laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“ sind. Der Witz dabei: niemand braucht dieses Wissen; eigentlich reicht schon die Aufzählung der Namen, um beim sogenannten Fan Wohlbefinden auszulösen, Träume, Sehnsüchte, Wünsche. Aber bleiben wir beim tragischen Beispiel des eingangs genannten Berliner Entertainers.

Dieser Mann hat sein Publikum seit Jahrzehnten mit der Darstellung von Knallchargen in Film und Fernsehen erfolgreich bedient. Darüber hinaus hat er sich einen Namen als Sänger und Epigone von Frank Sinatra gemacht. Er könnte sich – grob geschätzt – zurücklehnen, Ruhm und Wohlstand genießen und seine Krankheit, den Alkoholismus, diskret bekämpfen. Möglicherweise möchte er das sogar. Leider wird Alkoholismus in Lust- und anderen Spielen gerne als unterhaltendes Element eingesetzt. Und so nimmt es das Publikum nicht nur hin, mit Berichten von den Ausfällen Juhnkes versorgt zu werden; es ist enttäuscht, wenn es diese Berichte über längere Zeit vorenthalten bekommt.

Es ist Tatsache, daß kein Mensch an einem bundesdeutschen Zeitschriftenstand mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird, sich gedrucktes Informationsmaterial über die Ein- und Ausfälle der Stars zu kaufen. Wer das tut, tut es freiwillig. Eine komplette Industrie lebt davon – der Produzent eines Erfolgsfilms genauso wie der Klatschreporter und der Hersteller von Sammelbildchen und natürlich die Prominenten selbst – auch Harald Juhnke. Wer sich mit dessen Problemen beschäftigt, vergißt, wenn auch vielleicht nur für fünf Minuten, die eigenen. Wer von einem knackigen Sänger oder einer sexy Moderatorin träumt, vergißt, daß er oder sie auf dem Tanzstundenabschlußball bis zum Schluß sitzengeblieben ist. Und wer sich über die Geschmacklosigkeit der Wildecker Herzbuben aufregt, vergißt, daß er – genaugenommen -ebenfalls ein paar Kilo abnehmen könnte.

Und uns schießt an dieser Stelle völlig unvermittelt der Ausdruck vom „Opium für das Volk“ durch den Kopf. Warum nur?

Diese Mitmenschen haben eines gemeinsam: es sind Prominente. Das Wort klingt so, als ob es aus dem Lateinischen käme. Kommt es auch – es bedeutet laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“. Wir sprechen trotzdem von Prominenten.

Prominent wird man durch die unterschiedlichsten Leistungen. Wer besser Tennis spielt als andere, wird prominent. Wer schneller Auto fährt als andere und dabei auch noch das längste Kinn von allen hat, wird prominent. Wer vor größerem Publikum fehlerfrei Witze erzählen kann, wird prominent – und es spielt dabei keine Rolle, ob er oder sie auch noch singen kann. Wer sich viel Text merken kann, wird durch seine Bühnenerfolge prominent. Wer sich nicht viel Text merken kann, geht zum Film.  Und wer auch nicht wirklich überzeugend andere darstellen kann, findet sein persönliches Prominententum immer noch zuverlässig in einer Seifenoper im Privatfernsehen.

Das hat Folgen.

Erstens müssen sich Nicht-Prominente immer mehr Namen merken, wollen sie auf dem Laufenden bleiben.

Zweitens muß jeder Nicht-Prominente gegenüber anderen Nicht-Prominenten oder möglicherweise auch sich selbst seine Entscheidung verteidigen, gerade für diesen Prominenten zu schwärmen – und einen anderen möglicherweise völlig uninteressant oder sogar widerwärtig zu finden. Damit einher geht natürlich der Zwang, auch über diese uninteressanten Prominenten Bescheid zu wissen – denn wie sonst könnte man beim Fachgespräch unter Nicht-Prominenten überzeugend über die Lieblingsprominenten der anderen den Stab brechen?

Drittens kostet das Geld. Informationen, speziell Exklusivinformationen über Lieblingsprominente, eigene und die der anderen, sind teuer. Und dabei spielt es keine Rolle, ob diese Informationen wahr oder erfunden sind – Kreativität ist mindestens genauso teuer wie wochenlanges Auf-der-Lauer-Liegen.

Viertens kostet das, wenn wir ehrlich sind, Nerven.

Aber der Einsatz ist nicht vergebens. Der Lohn ist: Wissen, Informationen über Menschen, die laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“ sind. Der Witz dabei: niemand braucht dieses Wissen; eigentlich reicht schon die Aufzählung der Namen, um beim sogenannten Fan Wohlbefinden auszulösen, Träume, Sehnsüchte, Wünsche. Aber bleiben wir beim tragischen Beispiel des eingangs genannten Berliner Entertainers.

Dieser Mann hat sein Publikum seit Jahrzehnten mit der Darstellung von Knallchargen in Film und Fernsehen erfolgreich bedient. Darüber hinaus hat er sich einen Namen als Sänger und Epigone von Frank Sinatra gemacht. Er könnte sich – grob geschätzt – zurücklehnen, Ruhm und Wohlstand genießen und seine Krankheit, den Alkoholismus, diskret bekämpfen. Möglicherweise möchte er das sogar. Leider wird Alkoholismus in Lust- und anderen Spielen gerne als unterhaltendes Element eingesetzt. Und so nimmt es das Publikum nicht nur hin, mit Berichten von den Ausfällen Juhnkes versorgt zu werden; es ist enttäuscht, wenn es diese Berichte über längere Zeit vorenthalten bekommt.

Es ist Tatsache, daß kein Mensch an einem bundesdeutschen Zeitschriftenstand mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird, sich gedrucktes Informationsmaterial über die Ein- und Ausfälle der Stars zu kaufen. Wer das tut, tut es freiwillig. Eine komplette Industrie lebt davon – der Produzent eines Erfolgsfilms genauso wie der Klatschreporter und der Hersteller von Sammelbildchen und natürlich die Prominenten selbst – auch Harald Juhnke. Wer sich mit dessen Problemen beschäftigt, vergißt, wenn auch vielleicht nur für fünf Minuten, die eigenen. Wer von einem knackigen Sänger oder einer sexy Moderatorin träumt, vergißt, daß er oder sie auf dem Tanzstundenabschlußball bis zum Schluß sitzengeblieben ist. Und wer sich über die Geschmacklosigkeit der Wildecker Herzbuben aufregt, vergißt, daß er – genaugenommen -ebenfalls ein paar Kilo abnehmen könnte.

Und uns schießt an dieser Stelle völlig unvermittelt der Ausdruck vom „Opium für das Volk“ durch den Kopf. Warum nur?

Diese Mitmenschen haben eines gemeinsam: es sind Prominente. Das Wort klingt so, als ob es aus dem Lateinischen käme. Kommt es auch – es bedeutet laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“. Wir sprechen trotzdem von Prominenten.

Prominent wird man durch die unterschiedlichsten Leistungen. Wer besser Tennis spielt als andere, wird prominent. Wer schneller Auto fährt als andere und dabei auch noch das längste Kinn von allen hat, wird prominent. Wer vor größerem Publikum fehlerfrei Witze erzählen kann, wird prominent – und es spielt dabei keine Rolle, ob er oder sie auch noch singen kann. Wer sich viel Text merken kann, wird durch seine Bühnenerfolge prominent. Wer sich nicht viel Text merken kann, geht zum Film. Und wer auch nicht wirklich überzeugend andere darstellen kann, findet sein persönliches Prominententum immer noch zuverlässig in einer Seifenoper im Privatfernsehen.

Das hat Folgen.

Erstens müssen sich Nicht-Prominente immer mehr Namen merken, wollen sie auf dem Laufenden bleiben.

Zweitens muß jeder Nicht-Prominente gegenüber anderen Nicht-Prominenten oder möglicherweise auch sich selbst seine Entscheidung verteidigen, gerade für diesen Prominenten zu schwärmen – und einen anderen möglicherweise völlig uninteressant oder sogar widerwärtig zu finden. Damit einher geht natürlich der Zwang, auch über diese uninteressanten Prominenten Bescheid zu wissen – denn wie sonst könnte man beim Fachgespräch unter Nicht-Prominenten überzeugend über die Lieblingsprominenten der anderen den Stab brechen?

Drittens kostet das Geld. Informationen, speziell Exklusivinformationen über Lieblingsprominente, eigene und die der anderen, sind teuer. Und dabei spielt es keine Rolle, ob diese Informationen wahr oder erfunden sind – Kreativität ist mindestens genauso teuer wie wochenlanges Auf-der-Lauer-Liegen.

Viertens kostet das, wenn wir ehrlich sind, Nerven.

Aber der Einsatz ist nicht vergebens. Der Lohn ist: Wissen, Informationen über Menschen, die laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“ sind. Der Witz dabei: niemand braucht dieses Wissen; eigentlich reicht schon die Aufzählung der Namen, um beim sogenannten Fan Wohlbefinden auszulösen, Träume, Sehnsüchte, Wünsche. Aber bleiben wir beim tragischen Beispiel des eingangs genannten Berliner Entertainers.

Dieser Mann hat sein Publikum seit Jahrzehnten mit der Darstellung von Knallchargen in Film und Fernsehen erfolgreich bedient. Darüber hinaus hat er sich einen Namen als Sänger und Epigone von Frank Sinatra gemacht. Er könnte sich – grob geschätzt – zurücklehnen, Ruhm und Wohlstand genießen und seine Krankheit, den Alkoholismus, diskret bekämpfen. Möglicherweise möchte er das sogar. Leider wird Alkoholismus in Lust- und anderen Spielen gerne als unterhaltendes Element eingesetzt. Und so nimmt es das Publikum nicht nur hin, mit Berichten von den Ausfällen Juhnkes versorgt zu werden; es ist enttäuscht, wenn es diese Berichte über längere Zeit vorenthalten bekommt.

Es ist Tatsache, daß kein Mensch an einem bundesdeutschen Zeitschriftenstand mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird, sich gedrucktes Informationsmaterial über die Ein- und Ausfälle der Stars zu kaufen. Wer das tut, tut es freiwillig. Eine komplette Industrie lebt davon – der Produzent eines Erfolgsfilms genauso wie der Klatschreporter und der Hersteller von Sammelbildchen und natürlich die Prominenten selbst – auch Harald Juhnke. Wer sich mit dessen Problemen beschäftigt, vergißt, wenn auch vielleicht nur für fünf Minuten, die eigenen. Wer von einem knackigen Sänger oder einer sexy Moderatorin träumt, vergißt, daß er oder sie auf dem Tanzstundenabschlußball bis zum Schluß sitzengeblieben ist. Und wer sich über die Geschmacklosigkeit der Wildecker Herzbuben aufregt, vergißt, daß er – genaugenommen -ebenfalls ein paar Kilo abnehmen könnte.

Und uns schießt an dieser Stelle völlig unvermittelt der Ausdruck vom „Opium für das Volk“ durch den Kopf. Warum nur?

Thema: ...aber wahr | Kommentare (0)

North by Northwest

Konstantin Klein am Mittwoch, 12. August 2009, 21:05

North by Northwest

North by Northwest

Der Diesel brummelt gelassen. Nicht zu fassen, wie sanft Spreewasser am Bootsrumpf entlang rauschen kann. Nicht zu fassen auch, wie gelassen Berliner miteinander umgehen können, sobald sie nicht mit der S-Bahn oder dem eigenen Auto unterwegs sind, sondern mit dem Boot. Dabei herrscht durchaus wochenendgerechter Verkehr; die Schleusen sind voll, und bei der Ausflugsgaststätte mit dem unwahrscheinlichen Namen “Neu-Helgoland” ist zwischendurch zwar vielleicht noch ein Tisch frei, aber kein Anlegeplatz.

Dann wieder Leinen los, und ruhig nimmt Susanna Kurs flussaufwärts, in friedlichere Gewässer. Anker raus in Ufernähe, Badeleiter über die Bordwand, fertig ist die private Badeinsel. Die nächste Gruppe, das nächste Boot liegt mehr als 100 Meter weiter, und neidvoll gucken übergewichtige Brandenburger vom Ufer herüber.

Ab und zu verbrennt ein Irrer überflüssig Treibstoff und schlägt Wellen. Dann wieder Ruhe. Und langsam, ganz langsam nimmt die Haut ein knuspriges Braun an.

Was Berlin-Touristen selten mitbekommen: Berlin liegt am und auf dem Wasser. Und manchmal kommt man sich gar nicht wie in der Hauptstadt (oder seiner Nachbarschaft) vor, sondern an einem verzauberten Ort in einem verzauberten Land.

Aber übernachten kann man wieder zuhause.

Thema: ...aber wahr | Kommentare (0)

Anfänge

Heike Julia Klein am Montag, 26. Januar 2009, 23:06

Um fünf Uhr morgens stand sie auf, duschte, fönte sich die Haare und zog sich an. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie auf Make-up verzichten sollte, aber es konnte nicht schaden, auch an diesem Tag nicht. Sie schminkte sich sorgfältig und lächelte ihrem Spiegelbild kurz zu.

Es war noch dunkel. Sie kochte Tee und schnitt zwei Scheiben Kuchen ab. Dann legte sie eine CD ein, hörte Musik und sah eine Weile aus dem Fenster. Die Straße war ruhig, niemand unterwegs. Sie trank ihren Tee und aß ein Stück Marmorkuchen. Der Schokoladenüberzug knackte leise, und sie kaute jeden Bissen langsam zu einem süßen Brei, der wohlig nach Kindheit schmeckte.
Sie wollte einen Moment Zeit haben, noch ein wenig Zeit für sich selbst, genau jetzt, an diesem Morgen. Es wurde allmählich dämmrig.

Sie weckte ihren Mann. Er wollte keinen Tee, auch keinen Marmorkuchen.
Um halb sieben fuhren sie los. Sie stellte sich vor, das Krankenhaus wäre ein Hotel, in dem man ein Zimmer für sie reserviert hätte, denn sie mochte Hotels. Dann Untersuchung, schnell, routiniert, ohne viele Worte.
Sie wartete auf ein Ergebnis, aber es kam niemand mehr. Die Nachtschicht wurde abgelöst, wahrscheinlich lag es daran.

Auf dem Flur gab es eine Bank, auf der man warten konnte. Der Flur hatte keine Fenster und auf der Tür der Station stand, der Eintritt sei verboten.
Sie saß neben ihrem Mann und umfasste den Griff der nagelneuen Reisetasche.
Eine Frau kam und gab ihr ein Formular, das sie unterschreiben musste.
Es war ihr egal, was sie unterschrieb.
Eine andere Frau mit Pferdeschwanz und strengem Gesichtsausdruck holte sie schließlich ab und sie standen auf und folgten ihr durch die Stationstür.
Mit einer Mischung aus Stolz und Angst tat sie von jetzt an alles, wozu man sie aufforderte.

Um halb neun sah sie zum letzten Mal auf eine Uhr, die im Flur an der Wand hing.
Dann begann die Zeit stillzustehen. Sie verschwand einfach, genau wie die Gedanken verschwanden, die Gefühle und die Entscheidungen.

Sie lag in einer riesigen Badewanne und sah, wie das Wasser langsam herauslief.
Eine Frau kam und half ihr, aufzustehen. Ihr Mann trug die Reisetasche.
Dann ging sie im Bademantel langsam an einer Haltestange den Flur entlang, sehr langsam. Sie befolgte die Anweisungen der Menschen, die hier das Sagen hatten. Freundlich, aber bestimmt. Eine Nadel in die Vene, ein kleiner Schlauch. Später gab es nichts mehr zu sagen, alles teilte sich von selbst und wortlos mit. Man hatte ihr früh beigebracht, sich zu beherrschen.

Irgendwann sagte sie, sie halte das nicht aus. Zu spät, hieß es, man könne jetzt nichts mehr machen. Plötzlich Aufregung im Zimmer, noch mehr fremde Menschen, die diskutierten. Dann kam ein älterer Mann, vor dem alle respektvoll zurückwichen und sagte, er werde etwas Unangenehmes tun müssen. Sie schrie ihn an, er solle seine Hände wegnehmen, sofort. Er nahm sie nicht fort, ganz im Gegenteil.
Das Zimmer verschwand, die Gestalten wurden undeutlich und sie glaubte, die Flut würde sie verschlingen. Möglicherweise würde sie sterben, dachte sie, aber sie hatte die Augen weit offen und sah überrascht, was in der Flut passiert war.

Dann schrie ihr erster Sohn. Und das Leben war wunderbar.

Thema: ...aber wahr | Kommentare (0)

Mutti

Heike Julia Klein am Montag, 24. November 2008, 1:02

“Was meinst Du, wollnwa hier?”

“Na ja.”

“Willste in die Sonne oder in den Schatten?”

“Hier ist doch überhaupt keine Sonne.”

“Doch, gucke, da hinten ist doch Sonne, Mutti.”

“Da ist auch nur Schatten.”

“Komm, wir gehen da hinten hin.”

“Na ja.”

“Willste hier hin oder in die Sonne?”

“Die ist doch gleich weg.”

“Willste ein Kissen, Mutti?”

“Ach was, Kissen.”

“Kein Kissen, Mutti?”

“Ich brauch nie ein Kissen.”

“Was willste trinken, Mutti, Kaffe oder Wasser oder ein Glas Wein?”

“Ich weiß nicht.”

“Einen Kaffee, Mutti?”

“Ach was, der schmeckt nicht.”

“Also Wasser oder Wein?”

“Ein Glas Wasser nehm ich.”

“Und ein Stück Kuchen, Mutti?”

“Wieso denn Kuchen, wir haben doch eben Kuchen gekauft.”

“Aber den können wir doch hier nicht essen, Mutti.”

“Den essen wir.”

“Zu meinem Bier passt der sowieso nicht.”

“Zum Bier passt ja auch kein Kuchen.”

“Und Mutti, ist es schön hier in der Sonne?”

“Gleich ist die weg. Aber schön ist sie.”

“Mutti, Bulgarien war toll.”

“Kann ich mir vorstellen. Und mit dem Bus ist es auch bequem.”

“Mutti, Karin fand es auch gut, vor allem das Hotel auf der Rückfahrt. Da war das Bad größer als zu Hause.”

“Ist ja im Hotel immer so.”

“Na, aber Karin hat ein großes Bad zu Hause, kein Fenster, aber groß, alles saniert, Fliesen wie Marmor. Ist zwar kein echter Marmor, sieht aber schick aus. Die Dusche auch.”

“Hat sie keine Wanne?”.

“Nein, aber einen Duschtempel.”

“Was fürn Dempl?”

“Tempel, einen Duschtempel hat Karin.”

“Aha. Aber ohne Wanne ist immer schlecht”.

“Und am Abend haben die dann Hammel gegrillt, Riesenhammel sag ich Dir.”

“Ja, satt werden muss man, solche Reisen strengen ja auch an.”

“Genau. Aber die Verpflegung war astrein Mutti, da kann man nicht meckern.”

“Das muss auch.”

“Die Matratzen waren weich, und Karin hatte ja was am Rücken.”

“Da sind die weichen besser.”

“Nein, Mutti, bei Rückenschmerzen sind die harten besser, Du solltest auch eine harte haben.”

“Ich habe nie Rückenschmerzen.”

“Aber weißt Du, Mutti, Karin hat ja viel Sinn für die Einrichtung, das liegt ihr, und jetzt hat sie so einen grünen..”

“Das kommt von den Schuhen, die sind zu hoch, und das den ganzen Tag, davon kommt das.”

“So einen grünen Frosch aus Glas, aber nicht wie Spielzeug, weißt Du, eher so wie Kunst, so geschwungen, den hat sie auf die Ablage gestellt, man kann da auch Kunstblumen reintun, aber das macht sie nicht, sie hat ja Geschmack, das muss man ihr wirklich lassen, also Geschmack hat sie. Durch das grüne Glas scheint dann so das Licht,, und das sieht gut aus, überhaupt hat sie..”

“Es liegt immer an den Schuhen, sportlich muss sie tragen, nur so geht das wieder weg.”

“Sie hat das ganze Bad in blau und grün, da passt dieser Glasfrosch richtig gut rein, und das Bad ist wirklich groß, naja, jetzt kommt noch die Waschmaschine mit Trockner, die steht dann gleich links, wenn man reinkommt, aber es ist dann immer noch..”

“Trockner machen alles kaputt.”

“Ein Fenster wäre natürlich schon schön gewesen, ich finde ja Tageslichtbäder besser, und ein Fenster zu haben, ist natürlich schon angenehmer.”

“Man kann ja die Tür aufmachen, sonst kann man nix machen.”

“Mutti, Du kannst den Kuchen doch hier nicht essen. Die haben hier auch Kuchen.”

“Natürlich kann ich den Kuchen essen, warum soll ich den nicht essen? Aber zu wenig Butter drin und zu viel Mehl. Backen können die alle nicht.”

“Mutti, ich bestell Dir jetzt ein Stück Kuchen.”

“Ach was, der ist auch nicht besser.”

“Dann nehm ich noch ein Bier.”

“Die Sonne ist jetzt weg, hab ich ja gewusst.”

“Nimmst Du noch ein Glas Wasser?”

“Jetzt ist sie weg. Ich ess den Rest zu Hause. Keiner kann mehr anständig backen.”

“Mutti, hier ist dein Wasser.”

” Ich wollte kein Wasser.”

“Jetzt isses aber da.”

“Keiner kann sich was merken, heutzutage.”

Thema: Ach, wirklich? | Kommentare (2)

Favoriten

Heike Julia Klein am Sonntag, 23. November 2008, 23:18

Als ich anfing, darüber nachzudenken, ist mir klar geworden, dass ich echte Favoriten nur als Kind hatte. Oder mir nur als Kind erlaubt habe, welche zu haben. Später glaubte ich lange, immer furchtbar differenziert sein zu müssen, damit mich überhaupt jemand ernst nähme. Also kam kein Lieblingsthema mehr zustande.

Die Sache mit den Favoriten ist, dass man sich für sie entscheiden muss, denn nur so können sie ja zu Favoriten werden. Lieblingsessen, Lieblingsmusik, Lieblingsfarbe, Lieblingslandschaft. Wie soll man sich dafür entscheiden?

Wenn ich mich für ein Lieblingsessen entscheide, gebe ich ja all den anderen Lieblingsessen keine Chance. Wenn ich mich für Blau entscheide, was wird dann aus grün? Und wenn ich Nudeln sage, entscheide ich mich gegen Reis. Wenn ich Bach sage, entscheide ich mich gegen Mozart. Wenn ich Berge sage, entscheide ich mich gegen das Meer.

Mein Favorit ist, was mir nicht zu viel wird.

Städte können einem zu viel werden, Dörfer werden mir sehr schnell zu viel, Menschen können mir zu viel werden, sogar Kinder können einem zu viel werden, obwohl man das nicht sagen darf, Musik kann einem zu viel werden, Politik kann zu viel werden, Kultiviertheit kann zu viel werden, Bildung kann zu viel werden, Gerüche können zu viel werden, Essen kann zu viel werden, Gespräche können mir zu viel werden, Kunst kann einem zu viel werden, sogar Bücher können mir zu viel werden, Dummheit kann mir zu viel werden, Klugheit kann mir zu viel werden, Licht kann mir zu viel werden, Schatten kann mir auch zu viel werden, der Himmel kann mir zu viel werden, Wolken natürlich, aber auch die Sonne kann mir zu viel werden.Was bleibt?

Das Meer.

Das Meer war mir noch nie zu viel. Im Gegenteil, es hat mir nie gereicht, das Meer. Ich wollte immer noch mehr davon. Das Meer ist das Einzige, was ich ununterbrochen betrachten könnte. Es wurde mir noch nie langweilig, aufs Meer zu schauen. Egal welches Meer. Und vor allem, ich finde es immer schön, egal in welchem Zustand es ist.

Das Meer ist mein Favorit.

Es regt mich auf und macht mich ruhig. Es ist immer schön. Es hat jede Menge Farben. Es ist blau, grün, grau, golden, braun, schwarz, rosa, violett. Es lebt, auch wenn es verletzt wird und jede Menge Dreck aushalten muss. Es regt sich auf, und am nächsten Tag ist es spiegelglatt und ruhig wie ein See, der alles verzeiht. Es riecht nach Wasser, Salz, Wind, Fisch, Sand, Holz, Algen, Öl, Benzin. Und noch nach viel mehr.

Das Meer riecht immer nach der ganzen Welt. Es riecht nach Geburt und Tod gleichzeitig.

Wir lieben es, obwohl es sich nicht im Geringsten um uns kümmert. Es lässt sich von uns lieben, aber wenn es Lust hat, fällt es über uns her, gnadenlos. Ich habe den Verdacht, das Meer lächelt über unsere Strandtage, an denen wir glauben, es sei ein harmloses blautürkisgrünes Paradies, ja,… es lächelt einfach.
Wir haben keine Ahnung vom Meer, auch wenn wir das meinen.

Wir unterschätzen es immer. Das Meer muss es nicht gut mit uns meinen, damit wir es lieben.

Deshalb ist es mein Favorit, das Meer.

Hier in Berlin ist ja kein Meer. Auch wenn es noch so viele Strandbars gibt. Am wenigsten verstehe ich den Bundespressestrand.

Aber dann auf einmal gehe ich an einem windigen, gerade noch sonnigen Mittwoch Ende August die gemächlichen breiten Treppen hinunter im Strandbad Wannsee , schließe meine Augen zu wohligen schmalen Schlitzen und sehe das andere Ufer mit dem Haus der Wannseekonferenz für einen Moment nicht mehr.

Ich bin dann am Strand, das Meer ist da… und ich weiß, für eine Weile muss ich mich für gar nichts entscheiden.

Thema: ...aber wahr | Kommentare (0)

Rot-Weiß Essen

Konstantin Klein am Samstag, 22. November 2008, 23:00

Die Augen schließen, die Zähne millimeterweise durch das frische Rot schlagen, mit der Zunge Rot und Weiß miteinander mischen, kosten, auskosten. Aromen nachspüren, Süße und Säure genießen, hach ja.

Erdbeeren mit Schlagsahne.

Wahrscheinlich sind es die besten food stylists dieser Welt, die Erdbeeren auf ihren Auftritt vor meinem inneren Auge vorbereiten. Immer sind sie rot, rund, riesig (die Erdbeeren, nicht die Stylisten). Immer sehen sie schon so gesund aus, dass der Mensch sich nie wieder Sorgen um Kalorien  und Vitamin-Mangelerscheinungen machen möchte. Immer liegt ein scharfer Glanz auf dem roten Fruchtfleisch, in das sich die kleinen gelbgrünen Kerne hineinkuscheln. Immer sieht man schon förmlich die Geschmacksexplosion, die sich gleich, jetzt, ja, gleich…

…wenn es nicht nur eine Vorstellung wäre.

Glücklicherweise – und in Hinblick auf Erdbeeren bin ich ein bedingungslos glücklicher Mensch – glücklicherweise schaffen es Erdbeeren und Erdbeerprodukte immer wieder, meinen von der TV-Werbung vor meinem inneren Auge angeheizten Erwartungen, sagen wir, zumindest entgegenzukommen. Wer mich – aus welchem Grund auch immer – lächeln sehen will, braucht nur eines von den folgenden Dingen:
•    Erdbeermarmelade
•    Erdbeereis
•    Erdbeerjoghurt
•    Erdbeerquark
•    Erdbeerkuchen
•    Und eben Erdbeeren, mit Schlagsahne oder ohne, mit Zucker oder ohne, mit Zitronensaft, Alkohol, Pfeffer – oder ohne.

(Tipp für Risikosucher: Erdbeersekt ist die große Ausnahme und führt zur sofortigen Aufkündigung der Freundschaft)

Erdbeeren sind Sommer.

Erdbeeren sind Garten.

Erdbeeren sind Kindheit.

Und jetzt verrate ich ein Geheimnis: Wenn ich, was durchaus vorkam, im Gartenbedarfs-Katalog meiner Mutter schmökerte, waren es nicht die Seiten mit den Kettensägen und Heckenscheren, die mich am meisten fesselten, wie das für einen kleinen Jungen normal wäre; es waren die Seiten mit den Erdbeerpflanzen, die auf den Fotos immer unwahrscheinlich große, runde, rote Früchte trugen. Wie das oft in der Kindheit ist, wurde damals eine lebenslange Obsession gegründet. Oder was man mit Obsessionen eben so macht.

Aber.

Aber es müssen schon echte Erdbeeren bzw. die Aussicht auf den Genuss derselben sein, wenn bei mir die sogenannten Erdbeerphine, ausgeschüttet werden sollen. Grafische, womöglich lustige Darstellungen von Erdbeeren auf Frühstücksgeschirr, Papierservietten, Bettwäsche, Unterwäsche lassen mich kalt, kalt wie…

Vanilleeis. Und auch auf meinem Computer und meinem tragbaren Kommunikationsgerät sehe ich lieber das Abbild eines Apfels. Aber das ist wieder eine ganz andere Obsession.

Thema: ...aber wahr | Kommentare (0)

Hauptsache, was Deftiges

Heike Julia Klein am Montag, 1. September 2008, 1:15

Kaum etwas habe ich bisher so gefürchtet, wie den Urlaub im eigenen Land. Wenn man in die Jahre kommt, macht man es eben doch, weil man es für eine stressarme Angelegenheit hält. Und weil es da einen früher unbekannten Naturstrand gibt, was etwas heißen will. Und weil einem der August im Süden inzwischen zu heiß ist. Weil die Reisekosten gering sind. Und weil man gleich da ist.

Wenn man ankommt, genügt ein kurzer Blick auf die Autonummern, um zu sehen, was da los ist. Ein einziges ausländisches Kennzeichen stammt aus einem Land, das dem eigenen vermutlich sehr ähnlich ist. Wozu kommen die denn hierher, fragt man sich im Stillen, dort sieht es doch genau so aus wie bei uns. Oder vielleicht sogar besser. Aber es ist beruhigend, dass auch Ausländer den Weg hierher finden. Es wertet den Ort doch gleich auf. Als erstes begegnen einem Verbots- und Aufforderungsschilder mit der Begrüßung “Werte Gäste”, die nicht nur wie aus einer anderen Welt klingt. Der textilfreie Bereich um die Sauna herum, etwa 6 Quadratmeter groß, darf nur mit einem “sichtbar getragenen roten Armband” betreten werden. “Wie könnte man ihn mit einem unsichtbar getragenen roten Armband betreten”, frage ich mich immer wieder. Die Ausstattung ist maritim gehalten, in blau und weiß, mit schmeichelnden goldenen Seepferdchen für das urlaubsreife Gemüt, das doch ein wenig Luxus ahnen möchte. Im nächstgelegenen Lokal gibt es die “wohl besten Waffeln aus Meck-Pomm”. Wir haben sie nicht probiert, ohne zu wissen, warum. Die Eisdiele heißt “San Marco”, und falls sie keine Kapazitäten mehr hat, gibt es gegenüber Mövenpickeis, auch sehr brauchbar. Überall gibt es Fischbrötchen und Schollen und Hering mit Bratkartoffeln, aber auch Erbsensuppe und Currywurst. Die Alternative schlechthin: “Hähnchenstation”, Gott sei Dank. Aber wir wollten ja diesmal nichts Exotisches. Der Edeka ist am Montagmorgen rappelvoll. Es gibt auch noch den Markant-Markt, lieblos, aber preiswert. Eine Pizzeria namens “San Remo”, deren strahlende Mitarbeiter allen Kindern sofort goldene Folienpalmwedelchen überreichen und so begeistert tun, dass einem schwindlig wird.

Am Strand fast ausschließlich Familien mit Kleinkindern. Sächsisch, schwäbisch, thüringisch, das reicht ja dann auch. Im kalten Wasser fast nur Kinder, die das eben noch aushalten.

Der Blick aufs Wasser, die Wellen, doch, es ist schon schön.

Man weiß nicht, woran es liegt, dass hier trotz des manchmal sehr schönen Lichtes keine Träume entstehen. Vielleicht, weil man gehört hat, wie sich ein Sachse und ein Schwabe um den letzten Parkplatz stritten. “Hau doch ab, du Arschloch”. “Ich ruf die Polizei”. “Mach doch, du Arsch”.”Mach ich auch, du Dreckskerl”.

Und so weiter. Deutsche unter sich. Abends Bier und was Deftiges.

Auch im Urlaub. Hauptsache deftig.

Thema: ...aber wahr | Kommentare (1)

Konfliktreisen.de

Heike Julia Klein am Mittwoch, 2. Juli 2008, 12:47

Urlaubszeit. Es gibt ja Leute, die schon seit Monaten braungebrannt herumlaufen, eigentlich brauchen die gar keinen Urlaub mehr, so wie sie aussehen. Es ist nicht gerecht: Wer keinen Garten mit Pool hat, muss am Wochenende rausfahren ans Wasser und einen Parkplatz finden. Der vorprogrammierte Stress kann einen von solchen Unternehmungen abhalten, und man bleibt dann eben blass bis zum Urlaub. Manche machen ja oft Kurzurlaube, Wellnesswochenenden mit Ayurveda, Thalasso, niedrig­kalorischen, schön arrangierten Buffets und Bewegungs­motivations­coach. Diese Leute müssen sich ja das ganze Jahr wohlfühlen.

Irgendwann wird denen das aber auch mal zu viel, und sie brauchen einen Ausgleich. Was sollen eigentlich Leute machen, die keine Wellness haben wollen im Urlaub? Die mal ein bisschen Stress brauchen zur Abwechslung, weil sie schon bis zur Langeweile weichgespült sind? Die etwas Reibung, Widerstand und Zoff brauchen? Diese Leute haben es schwer, ein geeignetes Urlaubsziel mit Gleichgesinnten zu finden.

Es ist nämlich nicht so, dass man im Internet wirklich alles findet. Es gibt Bedürfnislagen, die einfach noch nicht entdeckt wurden. Wer wegfahren will, um sich mal nicht zu amüsieren, sondern um Sand ins Getriebe gestreut zu bekommen, wer sich nicht entspannen will, sondern sich, im Gegenteil, nichts mehr wünscht, als dass es mal richtig knirscht und kracht, der hat es wirklich schwer, adäquate Ziele zu finden. Natürlich gibt es Aktivreisen, bei denen man seine Kräfte ausreizen kann, aber auch die haben immer wieder überflüssige Erholungstage dazwischen, die überstanden werden müssen. Oder Kreativurlaube: Alle malen oder töpfern unter Anleitung einer sanften Person friedlich vor sich hin, und sind mit jedem Tag überzeugter, dass sie es können. In jedem Menschen schlummert ein Künstler, und der wird behutsam geweckt. Das Essen ist biologisch und schwer verdaulich. Die Nettigkeit geht so weit, dass man sich vor den Mahlzeiten an der Hand nimmt und Wünsche ausspricht, in denen schöne Dinge vorkommen. Nach dem Essen räumen alle eifrig den Tisch ab, um ihren Gemeinschaftssinn zu beweisen. Und das, obwohl man dafür bezahlt hat, bedient zu werden. Aber wer will das schon? Die Zimmer werden aufgeräumt, aber trotzdem macht jeder ordentlich sein Bett, weil man ja niemandem Mühe machen möchte. Es gibt kein lautes und schon gar kein böses Wort, alle sind freundlich, und man erzählt sich sein Leben. Auch das ist also nichts für Leute, die mal etwas Abwechslung brauchen.

Aber es gibt einen Silberstreifen am Horizont. Die Marktlücke wird allmählich erkannt. Es gibt neue Reiseunternehmen, die sich des Themas annehmen. Zunächst einmal beschäftigt man sich damit, wie eine wirklich störungsreiche Anreise organisiert werden kann, bei der nicht alles so penetrant glatt läuft. Das ist im Zeitalter von GPS schwierig geworden, deshalb ist die Anreise mit dem eigenen PKW untersagt. Die lassen sich schon was einfallen. Gebiete mit hoher Schlechtwetterwahrscheinlichkeit werden sorgfältig geprüft. Man sucht karge Unterkünfte in gewöhnungsbedürftigen, langweiligen Gegenden für entsprechende Seminare. Es soll Gegenden in Osteuropa geben, wo man leichter fündig wird als anderswo. Das Themenspektrum reicht von “Gekonnt streiten” bis “Schlaflosigkeit ist lernbar”. Das Essen wird selbst gekocht, und zwar müssen alle mitmachen. Der nächste Supermarkt ist weit weg und schlecht sortiert. Keine Spülmaschinen.

Da ist Potential drin, das ist ausbaufähig. Auch über Namen denkt man schon nach. “Konfliktreisen.de” wurde kürzlich von einer kleinen Jury für gut befunden.

Thema: Ach, wirklich? | Kommentare (0)

Geständnis

Konstantin Klein am Donnerstag, 19. Juni 2008, 22:55

OK, OK, ich gebe es zu. Auch ich gucke Fußball. Zufrieden?

Ist immer so eine zweischneidige Sache, so ein Fußballspiel. Einerseits kann ich einem guten Spiel durchaus etwas abgewinnen (obwohl ich zu der kleinen Minderheit InDULa gehöre, die auch mit einem Football-Spiel etwas anfangen können), die sich an eleganten Spielzügen oder auch der puren Kraft eines Torschusses aus großer Distanz freuen können. Andererseits geht mir das Gedöns drumherum ein wenig auf den Keks, angefangen beim Gegröhle in Nachbars Garten bis hin zu Schlandfahnen und Feuerwerksgeballer in einem Vorrundenspiel (hat mir auch nach dem gewonnenen Viertelfinale nicht so ganz eingeleuchtet).

Und doch erinnere ich mich, im Stadion selbst herumge-ola-t zu haben, gejubelt und gegrunzt und was nicht alles, Massenhysterie hin, Gemeinschaftserlebnis her.

Zweischneidig eben.

Dafür haben wir morgen im Büro wieder was, um den Tag gesprächsweise anzufangen. Distribuierte Gemeinschaft, jeder vor seiner Breitbildglotze. Zirkusspiele der Moderne, zum Glück (meist) unblutig. I werd narrisch.

Tags: , ,

Thema: Ach, wirklich? | Kommentare (0)

Absurd

Heike Julia Klein am Sonntag, 13. April 2008, 16:55

Katze pinkelt von Regal auf offenes Notebook einer Freundin. Computerreparateur erklärt Totalschaden, ohne irgendetwas zu versuchen. Lösungsidee: Sagen, es sei Kakao gewesen.

Thema: Seltsam | Kommentare (0)