Zahnarztbesuch

Fahren ohne nachzudenken. Asphalt. Baumgrün. Rapsgelb. Das Ziel ist undeutlich. Nervöses Unterwegssein. Einfach weiterfahren, denke ich, der Fuß liegt schwer auf dem Pedal.

In der Raststätte üben zwei junge Frauen mit Sonnenbrillen für den bevorstehenden Urlaub.

Angestrengte Kleinfamilien fingern Fast-Food aus Pappkartons. Ihre Kleider leuchten wie Waschmittelreklame auf winterweißer Haut. Den Kindern wird der Mund abgewischt, noch bevor sie herunterschlucken können. Starre kurze Blicke zwischen den Eltern. Trotzig wird die Resignation mit Cola Light weggespült. Genervte Familienväter gehen schon mal voraus, mit wiegendem Gang zum Auto, schlüsselbundklimpernde Männer mit eingefrorenen Gesichtern. Frauen zerren verschmierte Kinder hinter sich her. Wir sind im Westen des Landes. Wir kommen zurück, mein Kind und ich.

Die Stadt empfängt uns in ihrer üblichen Glätte. Eine saubere grüne Stadt in der Abendsonne. Das Kind und ich betreten ein Cafe, das man wieder dem Zeitgeschmack angepasst hat. Durchdachter Bröckelputz, aufwendig arrangiert. Ein alter Freund kommt durch die Tür, der vorgestern noch in Asien gewesen sein muss. Er verhält sich, als säße man jede Woche zufällig irgendwo zusammen. Überraschungen gibt es nicht.

Mein Kind und ich besuchen den Großvater. Seine Frau ist verreist, es gibt heiße Wurst aus Dosen, mit Senf. Praktisch und gut. Die Sonne geht unter. Mit dem Vater spreche ich ohne Interesse über Politik. Ich höre nicht zu. Er merkt es nicht. Mein Kind schläft. Ich lege mich zu ihm und schlafe besser als sonst.

Am nächsten Tag trage ich das Lederkleid. In diesem Kleid kann ich mich beliebig verhalten. Die Schminke verbirgt mich.

So könnte ein neues Leben beginnen. Stattdessen gehe ich erst mal zum Zahnarzt.

Autor: Heike Julia Klein
Datum: Dienstag, 10. Juli 2007 0:45
Themengebiet: Ach, wirklich? Trackback: Trackback-URL
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