Philosophie im Souterrain

Er betrat sein Arbeitszimmer, das man ihm im Keller eines Seitentrakts der Universität zugestanden hatte. Der Weg dorthin führte durch ein sinnloses schmiedeeisernes Tor zur Kellertreppe, das ihn schon immer irritiert hatte. Eine Art Krypta. Unterirdischer Bereich des Wissens. Gelangweilt überflog er das Manuskript der Vorlesung, die er seit drei Jahren hielt. Draußen sah er ein paar müde wirkende Studenten vorbeigehen. Immerhin hatte man durch eine Abböschung den Blick in den Innenhof des Gebäudes ermöglicht, als wollte man der philosophischen Fakultät das endgültige Kellerdasein noch ersparen.

Auf dem Weg nach oben begegnete er ein paar Kollegen. Man grüßt knapp um diese Uhrzeit und gibt sich ernst. Einige seiner Studenten standen rauchend mit blassen Gesichtern am Fenster vor dem Hörsaal, wie üblich in sehr lässiger Pose. Andere saßen schon, genauso blass. Manche Mädchen waren stark geschminkt und sahen mit gerecktem Hals provozierend in die Gegend. Andere sahen aus wie überlastete Buchhalterinnen, hatten ordentliche Ringbücher dabei, schon aufgeschlagen zum Mitschreiben. Vermutlich hatten sie auch sorgfältig verpackte Wurstbrote dabei. Eine allerdings schrieb kein einziges Wort, sondern setzte gelegentlich ihre Kopfhörer auf und wippte mit ihrer Punkfrisur.

Es war immer schon sinnvoll, die Vorlesung mit witzigen Bemerkungen aufzulockern, aber noch nie hatte er mit Erstsemestern ein so leichtes Spiel gehabt. Sie lachten schon beim ersten harmlosen Späßchen, das seinerzeit nur ein genervtes Ausatmen provoziert hatte, “aha, der Alte will sich beliebt machen.” Diese Jungen waren leicht zu ködern. Sie wollten ihre Sache gut machen und nickten beiläufig zu allem, was man sagte. Sie konnten einem nichts anhaben, aber man erreichte sie auch nicht.

Sie waren einfach penetrant ahnungslos.

Autor: Heike Julia Klein
Datum: Dienstag, 10. Juli 2007 1:28
Themengebiet: Welt der Arbeit Trackback: Trackback-URL
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