Konfliktreisen.de
Heike Julia Klein am Mittwoch, 2. Juli 2008, 12:47
Urlaubszeit. Es gibt ja Leute, die schon seit Monaten braungebrannt herumlaufen, eigentlich brauchen die gar keinen Urlaub mehr, so wie sie aussehen. Es ist nicht gerecht: Wer keinen Garten mit Pool hat, muss am Wochenende rausfahren ans Wasser und einen Parkplatz finden. Der vorprogrammierte Stress kann einen von solchen Unternehmungen abhalten, und man bleibt dann eben blass bis zum Urlaub. Manche machen ja oft Kurzurlaube, Wellnesswochenenden mit Ayurveda, Thalasso, niedrigkalorischen, schön arrangierten Buffets und Bewegungsmotivationscoach. Diese Leute müssen sich ja das ganze Jahr wohlfühlen.
Irgendwann wird denen das aber auch mal zu viel, und sie brauchen einen Ausgleich. Was sollen eigentlich Leute machen, die keine Wellness haben wollen im Urlaub? Die mal ein bisschen Stress brauchen zur Abwechslung, weil sie schon bis zur Langeweile weichgespült sind? Die etwas Reibung, Widerstand und Zoff brauchen? Diese Leute haben es schwer, ein geeignetes Urlaubsziel mit Gleichgesinnten zu finden.
Es ist nämlich nicht so, dass man im Internet wirklich alles findet. Es gibt Bedürfnislagen, die einfach noch nicht entdeckt wurden. Wer wegfahren will, um sich mal nicht zu amüsieren, sondern um Sand ins Getriebe gestreut zu bekommen, wer sich nicht entspannen will, sondern sich, im Gegenteil, nichts mehr wünscht, als dass es mal richtig knirscht und kracht, der hat es wirklich schwer, adäquate Ziele zu finden. Natürlich gibt es Aktivreisen, bei denen man seine Kräfte ausreizen kann, aber auch die haben immer wieder überflüssige Erholungstage dazwischen, die überstanden werden müssen. Oder Kreativurlaube: Alle malen oder töpfern unter Anleitung einer sanften Person friedlich vor sich hin, und sind mit jedem Tag überzeugter, dass sie es können. In jedem Menschen schlummert ein Künstler, und der wird behutsam geweckt. Das Essen ist biologisch und schwer verdaulich. Die Nettigkeit geht so weit, dass man sich vor den Mahlzeiten an der Hand nimmt und Wünsche ausspricht, in denen schöne Dinge vorkommen. Nach dem Essen räumen alle eifrig den Tisch ab, um ihren Gemeinschaftssinn zu beweisen. Und das, obwohl man dafür bezahlt hat, bedient zu werden. Aber wer will das schon? Die Zimmer werden aufgeräumt, aber trotzdem macht jeder ordentlich sein Bett, weil man ja niemandem Mühe machen möchte. Es gibt kein lautes und schon gar kein böses Wort, alle sind freundlich, und man erzählt sich sein Leben. Auch das ist also nichts für Leute, die mal etwas Abwechslung brauchen.
Aber es gibt einen Silberstreifen am Horizont. Die Marktlücke wird allmählich erkannt. Es gibt neue Reiseunternehmen, die sich des Themas annehmen. Zunächst einmal beschäftigt man sich damit, wie eine wirklich störungsreiche Anreise organisiert werden kann, bei der nicht alles so penetrant glatt läuft. Das ist im Zeitalter von GPS schwierig geworden, deshalb ist die Anreise mit dem eigenen PKW untersagt. Die lassen sich schon was einfallen. Gebiete mit hoher Schlechtwetterwahrscheinlichkeit werden sorgfältig geprüft. Man sucht karge Unterkünfte in gewöhnungsbedürftigen, langweiligen Gegenden für entsprechende Seminare. Es soll Gegenden in Osteuropa geben, wo man leichter fündig wird als anderswo. Das Themenspektrum reicht von “Gekonnt streiten” bis “Schlaflosigkeit ist lernbar”. Das Essen wird selbst gekocht, und zwar müssen alle mitmachen. Der nächste Supermarkt ist weit weg und schlecht sortiert. Keine Spülmaschinen.
Da ist Potential drin, das ist ausbaufähig. Auch über Namen denkt man schon nach. “Konfliktreisen.de” wurde kürzlich von einer kleinen Jury für gut befunden.
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