Beiträge vom November, 2008

Mutti

Heike Julia Klein am Montag, 24. November 2008, 1:02

“Was meinst Du, wollnwa hier?”

“Na ja.”

“Willste in die Sonne oder in den Schatten?”

“Hier ist doch überhaupt keine Sonne.”

“Doch, gucke, da hinten ist doch Sonne, Mutti.”

“Da ist auch nur Schatten.”

“Komm, wir gehen da hinten hin.”

“Na ja.”

“Willste hier hin oder in die Sonne?”

“Die ist doch gleich weg.”

“Willste ein Kissen, Mutti?”

“Ach was, Kissen.”

“Kein Kissen, Mutti?”

“Ich brauch nie ein Kissen.”

“Was willste trinken, Mutti, Kaffe oder Wasser oder ein Glas Wein?”

“Ich weiß nicht.”

“Einen Kaffee, Mutti?”

“Ach was, der schmeckt nicht.”

“Also Wasser oder Wein?”

“Ein Glas Wasser nehm ich.”

“Und ein Stück Kuchen, Mutti?”

“Wieso denn Kuchen, wir haben doch eben Kuchen gekauft.”

“Aber den können wir doch hier nicht essen, Mutti.”

“Den essen wir.”

“Zu meinem Bier passt der sowieso nicht.”

“Zum Bier passt ja auch kein Kuchen.”

“Und Mutti, ist es schön hier in der Sonne?”

“Gleich ist die weg. Aber schön ist sie.”

“Mutti, Bulgarien war toll.”

“Kann ich mir vorstellen. Und mit dem Bus ist es auch bequem.”

“Mutti, Karin fand es auch gut, vor allem das Hotel auf der Rückfahrt. Da war das Bad größer als zu Hause.”

“Ist ja im Hotel immer so.”

“Na, aber Karin hat ein großes Bad zu Hause, kein Fenster, aber groß, alles saniert, Fliesen wie Marmor. Ist zwar kein echter Marmor, sieht aber schick aus. Die Dusche auch.”

“Hat sie keine Wanne?”.

“Nein, aber einen Duschtempel.”

“Was fürn Dempl?”

“Tempel, einen Duschtempel hat Karin.”

“Aha. Aber ohne Wanne ist immer schlecht”.

“Und am Abend haben die dann Hammel gegrillt, Riesenhammel sag ich Dir.”

“Ja, satt werden muss man, solche Reisen strengen ja auch an.”

“Genau. Aber die Verpflegung war astrein Mutti, da kann man nicht meckern.”

“Das muss auch.”

“Die Matratzen waren weich, und Karin hatte ja was am Rücken.”

“Da sind die weichen besser.”

“Nein, Mutti, bei Rückenschmerzen sind die harten besser, Du solltest auch eine harte haben.”

“Ich habe nie Rückenschmerzen.”

“Aber weißt Du, Mutti, Karin hat ja viel Sinn für die Einrichtung, das liegt ihr, und jetzt hat sie so einen grünen..”

“Das kommt von den Schuhen, die sind zu hoch, und das den ganzen Tag, davon kommt das.”

“So einen grünen Frosch aus Glas, aber nicht wie Spielzeug, weißt Du, eher so wie Kunst, so geschwungen, den hat sie auf die Ablage gestellt, man kann da auch Kunstblumen reintun, aber das macht sie nicht, sie hat ja Geschmack, das muss man ihr wirklich lassen, also Geschmack hat sie. Durch das grüne Glas scheint dann so das Licht,, und das sieht gut aus, überhaupt hat sie..”

“Es liegt immer an den Schuhen, sportlich muss sie tragen, nur so geht das wieder weg.”

“Sie hat das ganze Bad in blau und grün, da passt dieser Glasfrosch richtig gut rein, und das Bad ist wirklich groß, naja, jetzt kommt noch die Waschmaschine mit Trockner, die steht dann gleich links, wenn man reinkommt, aber es ist dann immer noch..”

“Trockner machen alles kaputt.”

“Ein Fenster wäre natürlich schon schön gewesen, ich finde ja Tageslichtbäder besser, und ein Fenster zu haben, ist natürlich schon angenehmer.”

“Man kann ja die Tür aufmachen, sonst kann man nix machen.”

“Mutti, Du kannst den Kuchen doch hier nicht essen. Die haben hier auch Kuchen.”

“Natürlich kann ich den Kuchen essen, warum soll ich den nicht essen? Aber zu wenig Butter drin und zu viel Mehl. Backen können die alle nicht.”

“Mutti, ich bestell Dir jetzt ein Stück Kuchen.”

“Ach was, der ist auch nicht besser.”

“Dann nehm ich noch ein Bier.”

“Die Sonne ist jetzt weg, hab ich ja gewusst.”

“Nimmst Du noch ein Glas Wasser?”

“Jetzt ist sie weg. Ich ess den Rest zu Hause. Keiner kann mehr anständig backen.”

“Mutti, hier ist dein Wasser.”

” Ich wollte kein Wasser.”

“Jetzt isses aber da.”

“Keiner kann sich was merken, heutzutage.”

Thema: Ach, wirklich? | Kommentare (2)

Favoriten

Heike Julia Klein am Sonntag, 23. November 2008, 23:18

Als ich anfing, darüber nachzudenken, ist mir klar geworden, dass ich echte Favoriten nur als Kind hatte. Oder mir nur als Kind erlaubt habe, welche zu haben. Später glaubte ich lange, immer furchtbar differenziert sein zu müssen, damit mich überhaupt jemand ernst nähme. Also kam kein Lieblingsthema mehr zustande.

Die Sache mit den Favoriten ist, dass man sich für sie entscheiden muss, denn nur so können sie ja zu Favoriten werden. Lieblingsessen, Lieblingsmusik, Lieblingsfarbe, Lieblingslandschaft. Wie soll man sich dafür entscheiden?

Wenn ich mich für ein Lieblingsessen entscheide, gebe ich ja all den anderen Lieblingsessen keine Chance. Wenn ich mich für Blau entscheide, was wird dann aus grün? Und wenn ich Nudeln sage, entscheide ich mich gegen Reis. Wenn ich Bach sage, entscheide ich mich gegen Mozart. Wenn ich Berge sage, entscheide ich mich gegen das Meer.

Mein Favorit ist, was mir nicht zu viel wird.

Städte können einem zu viel werden, Dörfer werden mir sehr schnell zu viel, Menschen können mir zu viel werden, sogar Kinder können einem zu viel werden, obwohl man das nicht sagen darf, Musik kann einem zu viel werden, Politik kann zu viel werden, Kultiviertheit kann zu viel werden, Bildung kann zu viel werden, Gerüche können zu viel werden, Essen kann zu viel werden, Gespräche können mir zu viel werden, Kunst kann einem zu viel werden, sogar Bücher können mir zu viel werden, Dummheit kann mir zu viel werden, Klugheit kann mir zu viel werden, Licht kann mir zu viel werden, Schatten kann mir auch zu viel werden, der Himmel kann mir zu viel werden, Wolken natürlich, aber auch die Sonne kann mir zu viel werden.Was bleibt?

Das Meer.

Das Meer war mir noch nie zu viel. Im Gegenteil, es hat mir nie gereicht, das Meer. Ich wollte immer noch mehr davon. Das Meer ist das Einzige, was ich ununterbrochen betrachten könnte. Es wurde mir noch nie langweilig, aufs Meer zu schauen. Egal welches Meer. Und vor allem, ich finde es immer schön, egal in welchem Zustand es ist.

Das Meer ist mein Favorit.

Es regt mich auf und macht mich ruhig. Es ist immer schön. Es hat jede Menge Farben. Es ist blau, grün, grau, golden, braun, schwarz, rosa, violett. Es lebt, auch wenn es verletzt wird und jede Menge Dreck aushalten muss. Es regt sich auf, und am nächsten Tag ist es spiegelglatt und ruhig wie ein See, der alles verzeiht. Es riecht nach Wasser, Salz, Wind, Fisch, Sand, Holz, Algen, Öl, Benzin. Und noch nach viel mehr.

Das Meer riecht immer nach der ganzen Welt. Es riecht nach Geburt und Tod gleichzeitig.

Wir lieben es, obwohl es sich nicht im Geringsten um uns kümmert. Es lässt sich von uns lieben, aber wenn es Lust hat, fällt es über uns her, gnadenlos. Ich habe den Verdacht, das Meer lächelt über unsere Strandtage, an denen wir glauben, es sei ein harmloses blautürkisgrünes Paradies, ja,… es lächelt einfach.
Wir haben keine Ahnung vom Meer, auch wenn wir das meinen.

Wir unterschätzen es immer. Das Meer muss es nicht gut mit uns meinen, damit wir es lieben.

Deshalb ist es mein Favorit, das Meer.

Hier in Berlin ist ja kein Meer. Auch wenn es noch so viele Strandbars gibt. Am wenigsten verstehe ich den Bundespressestrand.

Aber dann auf einmal gehe ich an einem windigen, gerade noch sonnigen Mittwoch Ende August die gemächlichen breiten Treppen hinunter im Strandbad Wannsee , schließe meine Augen zu wohligen schmalen Schlitzen und sehe das andere Ufer mit dem Haus der Wannseekonferenz für einen Moment nicht mehr.

Ich bin dann am Strand, das Meer ist da… und ich weiß, für eine Weile muss ich mich für gar nichts entscheiden.

Thema: ...aber wahr | Kommentare (0)

Rot-Weiß Essen

Konstantin Klein am Samstag, 22. November 2008, 23:00

Die Augen schließen, die Zähne millimeterweise durch das frische Rot schlagen, mit der Zunge Rot und Weiß miteinander mischen, kosten, auskosten. Aromen nachspüren, Süße und Säure genießen, hach ja.

Erdbeeren mit Schlagsahne.

Wahrscheinlich sind es die besten food stylists dieser Welt, die Erdbeeren auf ihren Auftritt vor meinem inneren Auge vorbereiten. Immer sind sie rot, rund, riesig (die Erdbeeren, nicht die Stylisten). Immer sehen sie schon so gesund aus, dass der Mensch sich nie wieder Sorgen um Kalorien  und Vitamin-Mangelerscheinungen machen möchte. Immer liegt ein scharfer Glanz auf dem roten Fruchtfleisch, in das sich die kleinen gelbgrünen Kerne hineinkuscheln. Immer sieht man schon förmlich die Geschmacksexplosion, die sich gleich, jetzt, ja, gleich…

…wenn es nicht nur eine Vorstellung wäre.

Glücklicherweise – und in Hinblick auf Erdbeeren bin ich ein bedingungslos glücklicher Mensch – glücklicherweise schaffen es Erdbeeren und Erdbeerprodukte immer wieder, meinen von der TV-Werbung vor meinem inneren Auge angeheizten Erwartungen, sagen wir, zumindest entgegenzukommen. Wer mich – aus welchem Grund auch immer – lächeln sehen will, braucht nur eines von den folgenden Dingen:
•    Erdbeermarmelade
•    Erdbeereis
•    Erdbeerjoghurt
•    Erdbeerquark
•    Erdbeerkuchen
•    Und eben Erdbeeren, mit Schlagsahne oder ohne, mit Zucker oder ohne, mit Zitronensaft, Alkohol, Pfeffer – oder ohne.

(Tipp für Risikosucher: Erdbeersekt ist die große Ausnahme und führt zur sofortigen Aufkündigung der Freundschaft)

Erdbeeren sind Sommer.

Erdbeeren sind Garten.

Erdbeeren sind Kindheit.

Und jetzt verrate ich ein Geheimnis: Wenn ich, was durchaus vorkam, im Gartenbedarfs-Katalog meiner Mutter schmökerte, waren es nicht die Seiten mit den Kettensägen und Heckenscheren, die mich am meisten fesselten, wie das für einen kleinen Jungen normal wäre; es waren die Seiten mit den Erdbeerpflanzen, die auf den Fotos immer unwahrscheinlich große, runde, rote Früchte trugen. Wie das oft in der Kindheit ist, wurde damals eine lebenslange Obsession gegründet. Oder was man mit Obsessionen eben so macht.

Aber.

Aber es müssen schon echte Erdbeeren bzw. die Aussicht auf den Genuss derselben sein, wenn bei mir die sogenannten Erdbeerphine, ausgeschüttet werden sollen. Grafische, womöglich lustige Darstellungen von Erdbeeren auf Frühstücksgeschirr, Papierservietten, Bettwäsche, Unterwäsche lassen mich kalt, kalt wie…

Vanilleeis. Und auch auf meinem Computer und meinem tragbaren Kommunikationsgerät sehe ich lieber das Abbild eines Apfels. Aber das ist wieder eine ganz andere Obsession.

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