Rot-Weiß Essen
Die Augen schließen, die Zähne millimeterweise durch das frische Rot schlagen, mit der Zunge Rot und Weiß miteinander mischen, kosten, auskosten. Aromen nachspüren, Süße und Säure genießen, hach ja.
Erdbeeren mit Schlagsahne.
Wahrscheinlich sind es die besten food stylists dieser Welt, die Erdbeeren auf ihren Auftritt vor meinem inneren Auge vorbereiten. Immer sind sie rot, rund, riesig (die Erdbeeren, nicht die Stylisten). Immer sehen sie schon so gesund aus, dass der Mensch sich nie wieder Sorgen um Kalorien und Vitamin-Mangelerscheinungen machen möchte. Immer liegt ein scharfer Glanz auf dem roten Fruchtfleisch, in das sich die kleinen gelbgrünen Kerne hineinkuscheln. Immer sieht man schon förmlich die Geschmacksexplosion, die sich gleich, jetzt, ja, gleich…
…wenn es nicht nur eine Vorstellung wäre.
Glücklicherweise – und in Hinblick auf Erdbeeren bin ich ein bedingungslos glücklicher Mensch – glücklicherweise schaffen es Erdbeeren und Erdbeerprodukte immer wieder, meinen von der TV-Werbung vor meinem inneren Auge angeheizten Erwartungen, sagen wir, zumindest entgegenzukommen. Wer mich – aus welchem Grund auch immer – lächeln sehen will, braucht nur eines von den folgenden Dingen:
• Erdbeermarmelade
• Erdbeereis
• Erdbeerjoghurt
• Erdbeerquark
• Erdbeerkuchen
• Und eben Erdbeeren, mit Schlagsahne oder ohne, mit Zucker oder ohne, mit Zitronensaft, Alkohol, Pfeffer – oder ohne.
(Tipp für Risikosucher: Erdbeersekt ist die große Ausnahme und führt zur sofortigen Aufkündigung der Freundschaft)
Erdbeeren sind Sommer.
Erdbeeren sind Garten.
Erdbeeren sind Kindheit.
Und jetzt verrate ich ein Geheimnis: Wenn ich, was durchaus vorkam, im Gartenbedarfs-Katalog meiner Mutter schmökerte, waren es nicht die Seiten mit den Kettensägen und Heckenscheren, die mich am meisten fesselten, wie das für einen kleinen Jungen normal wäre; es waren die Seiten mit den Erdbeerpflanzen, die auf den Fotos immer unwahrscheinlich große, runde, rote Früchte trugen. Wie das oft in der Kindheit ist, wurde damals eine lebenslange Obsession gegründet. Oder was man mit Obsessionen eben so macht.
Aber.
Aber es müssen schon echte Erdbeeren bzw. die Aussicht auf den Genuss derselben sein, wenn bei mir die sogenannten Erdbeerphine, ausgeschüttet werden sollen. Grafische, womöglich lustige Darstellungen von Erdbeeren auf Frühstücksgeschirr, Papierservietten, Bettwäsche, Unterwäsche lassen mich kalt, kalt wie…
Vanilleeis. Und auch auf meinem Computer und meinem tragbaren Kommunikationsgerät sehe ich lieber das Abbild eines Apfels. Aber das ist wieder eine ganz andere Obsession.
