Favoriten

Als ich anfing, darüber nachzudenken, ist mir klar geworden, dass ich echte Favoriten nur als Kind hatte. Oder mir nur als Kind erlaubt habe, welche zu haben. Später glaubte ich lange, immer furchtbar differenziert sein zu müssen, damit mich überhaupt jemand ernst nähme. Also kam kein Lieblingsthema mehr zustande.

Die Sache mit den Favoriten ist, dass man sich für sie entscheiden muss, denn nur so können sie ja zu Favoriten werden. Lieblingsessen, Lieblingsmusik, Lieblingsfarbe, Lieblingslandschaft. Wie soll man sich dafür entscheiden?

Wenn ich mich für ein Lieblingsessen entscheide, gebe ich ja all den anderen Lieblingsessen keine Chance. Wenn ich mich für Blau entscheide, was wird dann aus grün? Und wenn ich Nudeln sage, entscheide ich mich gegen Reis. Wenn ich Bach sage, entscheide ich mich gegen Mozart. Wenn ich Berge sage, entscheide ich mich gegen das Meer.

Mein Favorit ist, was mir nicht zu viel wird.

Städte können einem zu viel werden, Dörfer werden mir sehr schnell zu viel, Menschen können mir zu viel werden, sogar Kinder können einem zu viel werden, obwohl man das nicht sagen darf, Musik kann einem zu viel werden, Politik kann zu viel werden, Kultiviertheit kann zu viel werden, Bildung kann zu viel werden, Gerüche können zu viel werden, Essen kann zu viel werden, Gespräche können mir zu viel werden, Kunst kann einem zu viel werden, sogar Bücher können mir zu viel werden, Dummheit kann mir zu viel werden, Klugheit kann mir zu viel werden, Licht kann mir zu viel werden, Schatten kann mir auch zu viel werden, der Himmel kann mir zu viel werden, Wolken natürlich, aber auch die Sonne kann mir zu viel werden.Was bleibt?

Das Meer.

Das Meer war mir noch nie zu viel. Im Gegenteil, es hat mir nie gereicht, das Meer. Ich wollte immer noch mehr davon. Das Meer ist das Einzige, was ich ununterbrochen betrachten könnte. Es wurde mir noch nie langweilig, aufs Meer zu schauen. Egal welches Meer. Und vor allem, ich finde es immer schön, egal in welchem Zustand es ist.

Das Meer ist mein Favorit.

Es regt mich auf und macht mich ruhig. Es ist immer schön. Es hat jede Menge Farben. Es ist blau, grün, grau, golden, braun, schwarz, rosa, violett. Es lebt, auch wenn es verletzt wird und jede Menge Dreck aushalten muss. Es regt sich auf, und am nächsten Tag ist es spiegelglatt und ruhig wie ein See, der alles verzeiht. Es riecht nach Wasser, Salz, Wind, Fisch, Sand, Holz, Algen, Öl, Benzin. Und noch nach viel mehr.

Das Meer riecht immer nach der ganzen Welt. Es riecht nach Geburt und Tod gleichzeitig.

Wir lieben es, obwohl es sich nicht im Geringsten um uns kümmert. Es lässt sich von uns lieben, aber wenn es Lust hat, fällt es über uns her, gnadenlos. Ich habe den Verdacht, das Meer lächelt über unsere Strandtage, an denen wir glauben, es sei ein harmloses blautürkisgrünes Paradies, ja,… es lächelt einfach.
Wir haben keine Ahnung vom Meer, auch wenn wir das meinen.

Wir unterschätzen es immer. Das Meer muss es nicht gut mit uns meinen, damit wir es lieben.

Deshalb ist es mein Favorit, das Meer.

Hier in Berlin ist ja kein Meer. Auch wenn es noch so viele Strandbars gibt. Am wenigsten verstehe ich den Bundespressestrand.

Aber dann auf einmal gehe ich an einem windigen, gerade noch sonnigen Mittwoch Ende August die gemächlichen breiten Treppen hinunter im Strandbad Wannsee , schließe meine Augen zu wohligen schmalen Schlitzen und sehe das andere Ufer mit dem Haus der Wannseekonferenz für einen Moment nicht mehr.

Ich bin dann am Strand, das Meer ist da… und ich weiß, für eine Weile muss ich mich für gar nichts entscheiden.

Autor: Heike Julia Klein
Datum: Sonntag, 23. November 2008 23:18
Themengebiet: ...aber wahr Trackback: Trackback-URL
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