Beiträge vom Januar, 2009

Anfänge

Heike Julia Klein am Montag, 26. Januar 2009, 23:06

Um fünf Uhr morgens stand sie auf, duschte, fönte sich die Haare und zog sich an. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie auf Make-up verzichten sollte, aber es konnte nicht schaden, auch an diesem Tag nicht. Sie schminkte sich sorgfältig und lächelte ihrem Spiegelbild kurz zu.

Es war noch dunkel. Sie kochte Tee und schnitt zwei Scheiben Kuchen ab. Dann legte sie eine CD ein, hörte Musik und sah eine Weile aus dem Fenster. Die Straße war ruhig, niemand unterwegs. Sie trank ihren Tee und aß ein Stück Marmorkuchen. Der Schokoladenüberzug knackte leise, und sie kaute jeden Bissen langsam zu einem süßen Brei, der wohlig nach Kindheit schmeckte.
Sie wollte einen Moment Zeit haben, noch ein wenig Zeit für sich selbst, genau jetzt, an diesem Morgen. Es wurde allmählich dämmrig.

Sie weckte ihren Mann. Er wollte keinen Tee, auch keinen Marmorkuchen.
Um halb sieben fuhren sie los. Sie stellte sich vor, das Krankenhaus wäre ein Hotel, in dem man ein Zimmer für sie reserviert hätte, denn sie mochte Hotels. Dann Untersuchung, schnell, routiniert, ohne viele Worte.
Sie wartete auf ein Ergebnis, aber es kam niemand mehr. Die Nachtschicht wurde abgelöst, wahrscheinlich lag es daran.

Auf dem Flur gab es eine Bank, auf der man warten konnte. Der Flur hatte keine Fenster und auf der Tür der Station stand, der Eintritt sei verboten.
Sie saß neben ihrem Mann und umfasste den Griff der nagelneuen Reisetasche.
Eine Frau kam und gab ihr ein Formular, das sie unterschreiben musste.
Es war ihr egal, was sie unterschrieb.
Eine andere Frau mit Pferdeschwanz und strengem Gesichtsausdruck holte sie schließlich ab und sie standen auf und folgten ihr durch die Stationstür.
Mit einer Mischung aus Stolz und Angst tat sie von jetzt an alles, wozu man sie aufforderte.

Um halb neun sah sie zum letzten Mal auf eine Uhr, die im Flur an der Wand hing.
Dann begann die Zeit stillzustehen. Sie verschwand einfach, genau wie die Gedanken verschwanden, die Gefühle und die Entscheidungen.

Sie lag in einer riesigen Badewanne und sah, wie das Wasser langsam herauslief.
Eine Frau kam und half ihr, aufzustehen. Ihr Mann trug die Reisetasche.
Dann ging sie im Bademantel langsam an einer Haltestange den Flur entlang, sehr langsam. Sie befolgte die Anweisungen der Menschen, die hier das Sagen hatten. Freundlich, aber bestimmt. Eine Nadel in die Vene, ein kleiner Schlauch. Später gab es nichts mehr zu sagen, alles teilte sich von selbst und wortlos mit. Man hatte ihr früh beigebracht, sich zu beherrschen.

Irgendwann sagte sie, sie halte das nicht aus. Zu spät, hieß es, man könne jetzt nichts mehr machen. Plötzlich Aufregung im Zimmer, noch mehr fremde Menschen, die diskutierten. Dann kam ein älterer Mann, vor dem alle respektvoll zurückwichen und sagte, er werde etwas Unangenehmes tun müssen. Sie schrie ihn an, er solle seine Hände wegnehmen, sofort. Er nahm sie nicht fort, ganz im Gegenteil.
Das Zimmer verschwand, die Gestalten wurden undeutlich und sie glaubte, die Flut würde sie verschlingen. Möglicherweise würde sie sterben, dachte sie, aber sie hatte die Augen weit offen und sah überrascht, was in der Flut passiert war.

Dann schrie ihr erster Sohn. Und das Leben war wunderbar.

Thema: ...aber wahr | Kommentare (0)