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Promi-Kult

Konstantin Klein am Donnerstag, 21. Januar 2010, 13:18

(Hinweis: Schon im letzten Jahrtausend, lange vor der Erfindung des Selbstbeschreibungs-Internets, ist der eine oder andere böse Text entstanden…)

Beginnen wir mit Wissenswertem über Mitmenschen. Boris Becker wandert nach Amerika aus. Und Alfred Biolek mag lieber Männer. Und Fritz Egner hat offensichtlich zuviel Geld, das er vor dem Euro nach Übersee retten muß. Und Joschka Fischer ist nicht Vater des Kindes, mit dem seine Noch-Ehefrau derzeit schwanger geht. Und Jürgen W. Möllemann möchte gerne Kanzler werden, weiß aber nicht, wie. Und Arnold Schwarzenegger ißt am liebsten Apfelstrudel nach dem Rezept seiner Mutter. Und Thomas Gottschalk… und Hella von Sinnen… und irgendwo auch noch Rudi Carell… und zwischendurch mal Sabine Christiansen, für die Intellektuellen… und dann wieder Eduard Zimmermann, für alle… und die Back Street Boys… und Luciano Pavarotti, der ja fast schon Verehrung für zwei verbraucht… und Harald Juhnke… ja, vor allem Harald Juhnke.

Diese Mitmenschen haben eines gemeinsam: es sind Prominente. Das Wort klingt so, als ob es aus dem Lateinischen käme. Kommt es auch – es bedeutet laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“. Wir sprechen trotzdem von Prominenten.

Prominent wird man durch die unterschiedlichsten Leistungen. Wer besser Tennis spielt als andere, wird prominent. Wer schneller Auto fährt als andere und dabei auch noch das längste Kinn von allen hat, wird prominent. Wer vor größerem Publikum fehlerfrei Witze erzählen kann, wird prominent – und es spielt dabei keine Rolle, ob er oder sie auch noch singen kann. Wer sich viel Text merken kann, wird durch seine Bühnenerfolge prominent. Wer sich nicht viel Text merken kann, geht zum Film.  Und wer auch nicht wirklich überzeugend andere darstellen kann, findet sein persönliches Prominententum immer noch zuverlässig in einer Seifenoper im Privatfernsehen.

Das hat Folgen.

Erstens müssen sich Nicht-Prominente immer mehr Namen merken, wollen sie auf dem Laufenden bleiben.

Zweitens muß jeder Nicht-Prominente gegenüber anderen Nicht-Prominenten oder möglicherweise auch sich selbst seine Entscheidung verteidigen, gerade für diesen Prominenten zu schwärmen – und einen anderen möglicherweise völlig uninteressant oder sogar widerwärtig zu finden. Damit einher geht natürlich der Zwang, auch über diese uninteressanten Prominenten Bescheid zu wissen – denn wie sonst könnte man beim Fachgespräch unter Nicht-Prominenten überzeugend über die Lieblingsprominenten der anderen den Stab brechen?

Drittens kostet das Geld. Informationen, speziell Exklusivinformationen über Lieblingsprominente, eigene und die der anderen, sind teuer. Und dabei spielt es keine Rolle, ob diese Informationen wahr oder erfunden sind – Kreativität ist mindestens genauso teuer wie wochenlanges Auf-der-Lauer-Liegen.

Viertens kostet das, wenn wir ehrlich sind, Nerven.

Aber der Einsatz ist nicht vergebens. Der Lohn ist: Wissen, Informationen über Menschen, die laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“ sind. Der Witz dabei: niemand braucht dieses Wissen; eigentlich reicht schon die Aufzählung der Namen, um beim sogenannten Fan Wohlbefinden auszulösen, Träume, Sehnsüchte, Wünsche. Aber bleiben wir beim tragischen Beispiel des eingangs genannten Berliner Entertainers.

Dieser Mann hat sein Publikum seit Jahrzehnten mit der Darstellung von Knallchargen in Film und Fernsehen erfolgreich bedient. Darüber hinaus hat er sich einen Namen als Sänger und Epigone von Frank Sinatra gemacht. Er könnte sich – grob geschätzt – zurücklehnen, Ruhm und Wohlstand genießen und seine Krankheit, den Alkoholismus, diskret bekämpfen. Möglicherweise möchte er das sogar. Leider wird Alkoholismus in Lust- und anderen Spielen gerne als unterhaltendes Element eingesetzt. Und so nimmt es das Publikum nicht nur hin, mit Berichten von den Ausfällen Juhnkes versorgt zu werden; es ist enttäuscht, wenn es diese Berichte über längere Zeit vorenthalten bekommt.

Es ist Tatsache, daß kein Mensch an einem bundesdeutschen Zeitschriftenstand mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird, sich gedrucktes Informationsmaterial über die Ein- und Ausfälle der Stars zu kaufen. Wer das tut, tut es freiwillig. Eine komplette Industrie lebt davon – der Produzent eines Erfolgsfilms genauso wie der Klatschreporter und der Hersteller von Sammelbildchen und natürlich die Prominenten selbst – auch Harald Juhnke. Wer sich mit dessen Problemen beschäftigt, vergißt, wenn auch vielleicht nur für fünf Minuten, die eigenen. Wer von einem knackigen Sänger oder einer sexy Moderatorin träumt, vergißt, daß er oder sie auf dem Tanzstundenabschlußball bis zum Schluß sitzengeblieben ist. Und wer sich über die Geschmacklosigkeit der Wildecker Herzbuben aufregt, vergißt, daß er – genaugenommen -ebenfalls ein paar Kilo abnehmen könnte.

Und uns schießt an dieser Stelle völlig unvermittelt der Ausdruck vom „Opium für das Volk“ durch den Kopf. Warum nur?

Diese Mitmenschen haben eines gemeinsam: es sind Prominente. Das Wort klingt so, als ob es aus dem Lateinischen käme. Kommt es auch – es bedeutet laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“. Wir sprechen trotzdem von Prominenten.

Prominent wird man durch die unterschiedlichsten Leistungen. Wer besser Tennis spielt als andere, wird prominent. Wer schneller Auto fährt als andere und dabei auch noch das längste Kinn von allen hat, wird prominent. Wer vor größerem Publikum fehlerfrei Witze erzählen kann, wird prominent – und es spielt dabei keine Rolle, ob er oder sie auch noch singen kann. Wer sich viel Text merken kann, wird durch seine Bühnenerfolge prominent. Wer sich nicht viel Text merken kann, geht zum Film.  Und wer auch nicht wirklich überzeugend andere darstellen kann, findet sein persönliches Prominententum immer noch zuverlässig in einer Seifenoper im Privatfernsehen.

Das hat Folgen.

Erstens müssen sich Nicht-Prominente immer mehr Namen merken, wollen sie auf dem Laufenden bleiben.

Zweitens muß jeder Nicht-Prominente gegenüber anderen Nicht-Prominenten oder möglicherweise auch sich selbst seine Entscheidung verteidigen, gerade für diesen Prominenten zu schwärmen – und einen anderen möglicherweise völlig uninteressant oder sogar widerwärtig zu finden. Damit einher geht natürlich der Zwang, auch über diese uninteressanten Prominenten Bescheid zu wissen – denn wie sonst könnte man beim Fachgespräch unter Nicht-Prominenten überzeugend über die Lieblingsprominenten der anderen den Stab brechen?

Drittens kostet das Geld. Informationen, speziell Exklusivinformationen über Lieblingsprominente, eigene und die der anderen, sind teuer. Und dabei spielt es keine Rolle, ob diese Informationen wahr oder erfunden sind – Kreativität ist mindestens genauso teuer wie wochenlanges Auf-der-Lauer-Liegen.

Viertens kostet das, wenn wir ehrlich sind, Nerven.

Aber der Einsatz ist nicht vergebens. Der Lohn ist: Wissen, Informationen über Menschen, die laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“ sind. Der Witz dabei: niemand braucht dieses Wissen; eigentlich reicht schon die Aufzählung der Namen, um beim sogenannten Fan Wohlbefinden auszulösen, Träume, Sehnsüchte, Wünsche. Aber bleiben wir beim tragischen Beispiel des eingangs genannten Berliner Entertainers.

Dieser Mann hat sein Publikum seit Jahrzehnten mit der Darstellung von Knallchargen in Film und Fernsehen erfolgreich bedient. Darüber hinaus hat er sich einen Namen als Sänger und Epigone von Frank Sinatra gemacht. Er könnte sich – grob geschätzt – zurücklehnen, Ruhm und Wohlstand genießen und seine Krankheit, den Alkoholismus, diskret bekämpfen. Möglicherweise möchte er das sogar. Leider wird Alkoholismus in Lust- und anderen Spielen gerne als unterhaltendes Element eingesetzt. Und so nimmt es das Publikum nicht nur hin, mit Berichten von den Ausfällen Juhnkes versorgt zu werden; es ist enttäuscht, wenn es diese Berichte über längere Zeit vorenthalten bekommt.

Es ist Tatsache, daß kein Mensch an einem bundesdeutschen Zeitschriftenstand mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird, sich gedrucktes Informationsmaterial über die Ein- und Ausfälle der Stars zu kaufen. Wer das tut, tut es freiwillig. Eine komplette Industrie lebt davon – der Produzent eines Erfolgsfilms genauso wie der Klatschreporter und der Hersteller von Sammelbildchen und natürlich die Prominenten selbst – auch Harald Juhnke. Wer sich mit dessen Problemen beschäftigt, vergißt, wenn auch vielleicht nur für fünf Minuten, die eigenen. Wer von einem knackigen Sänger oder einer sexy Moderatorin träumt, vergißt, daß er oder sie auf dem Tanzstundenabschlußball bis zum Schluß sitzengeblieben ist. Und wer sich über die Geschmacklosigkeit der Wildecker Herzbuben aufregt, vergißt, daß er – genaugenommen -ebenfalls ein paar Kilo abnehmen könnte.

Und uns schießt an dieser Stelle völlig unvermittelt der Ausdruck vom „Opium für das Volk“ durch den Kopf. Warum nur?

Diese Mitmenschen haben eines gemeinsam: es sind Prominente. Das Wort klingt so, als ob es aus dem Lateinischen käme. Kommt es auch – es bedeutet laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“. Wir sprechen trotzdem von Prominenten.

Prominent wird man durch die unterschiedlichsten Leistungen. Wer besser Tennis spielt als andere, wird prominent. Wer schneller Auto fährt als andere und dabei auch noch das längste Kinn von allen hat, wird prominent. Wer vor größerem Publikum fehlerfrei Witze erzählen kann, wird prominent – und es spielt dabei keine Rolle, ob er oder sie auch noch singen kann. Wer sich viel Text merken kann, wird durch seine Bühnenerfolge prominent. Wer sich nicht viel Text merken kann, geht zum Film. Und wer auch nicht wirklich überzeugend andere darstellen kann, findet sein persönliches Prominententum immer noch zuverlässig in einer Seifenoper im Privatfernsehen.

Das hat Folgen.

Erstens müssen sich Nicht-Prominente immer mehr Namen merken, wollen sie auf dem Laufenden bleiben.

Zweitens muß jeder Nicht-Prominente gegenüber anderen Nicht-Prominenten oder möglicherweise auch sich selbst seine Entscheidung verteidigen, gerade für diesen Prominenten zu schwärmen – und einen anderen möglicherweise völlig uninteressant oder sogar widerwärtig zu finden. Damit einher geht natürlich der Zwang, auch über diese uninteressanten Prominenten Bescheid zu wissen – denn wie sonst könnte man beim Fachgespräch unter Nicht-Prominenten überzeugend über die Lieblingsprominenten der anderen den Stab brechen?

Drittens kostet das Geld. Informationen, speziell Exklusivinformationen über Lieblingsprominente, eigene und die der anderen, sind teuer. Und dabei spielt es keine Rolle, ob diese Informationen wahr oder erfunden sind – Kreativität ist mindestens genauso teuer wie wochenlanges Auf-der-Lauer-Liegen.

Viertens kostet das, wenn wir ehrlich sind, Nerven.

Aber der Einsatz ist nicht vergebens. Der Lohn ist: Wissen, Informationen über Menschen, die laut Duden „hervorragend, bedeutend, maßgebend“ sind. Der Witz dabei: niemand braucht dieses Wissen; eigentlich reicht schon die Aufzählung der Namen, um beim sogenannten Fan Wohlbefinden auszulösen, Träume, Sehnsüchte, Wünsche. Aber bleiben wir beim tragischen Beispiel des eingangs genannten Berliner Entertainers.

Dieser Mann hat sein Publikum seit Jahrzehnten mit der Darstellung von Knallchargen in Film und Fernsehen erfolgreich bedient. Darüber hinaus hat er sich einen Namen als Sänger und Epigone von Frank Sinatra gemacht. Er könnte sich – grob geschätzt – zurücklehnen, Ruhm und Wohlstand genießen und seine Krankheit, den Alkoholismus, diskret bekämpfen. Möglicherweise möchte er das sogar. Leider wird Alkoholismus in Lust- und anderen Spielen gerne als unterhaltendes Element eingesetzt. Und so nimmt es das Publikum nicht nur hin, mit Berichten von den Ausfällen Juhnkes versorgt zu werden; es ist enttäuscht, wenn es diese Berichte über längere Zeit vorenthalten bekommt.

Es ist Tatsache, daß kein Mensch an einem bundesdeutschen Zeitschriftenstand mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird, sich gedrucktes Informationsmaterial über die Ein- und Ausfälle der Stars zu kaufen. Wer das tut, tut es freiwillig. Eine komplette Industrie lebt davon – der Produzent eines Erfolgsfilms genauso wie der Klatschreporter und der Hersteller von Sammelbildchen und natürlich die Prominenten selbst – auch Harald Juhnke. Wer sich mit dessen Problemen beschäftigt, vergißt, wenn auch vielleicht nur für fünf Minuten, die eigenen. Wer von einem knackigen Sänger oder einer sexy Moderatorin träumt, vergißt, daß er oder sie auf dem Tanzstundenabschlußball bis zum Schluß sitzengeblieben ist. Und wer sich über die Geschmacklosigkeit der Wildecker Herzbuben aufregt, vergißt, daß er – genaugenommen -ebenfalls ein paar Kilo abnehmen könnte.

Und uns schießt an dieser Stelle völlig unvermittelt der Ausdruck vom „Opium für das Volk“ durch den Kopf. Warum nur?

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North by Northwest

Konstantin Klein am Mittwoch, 12. August 2009, 21:05

North by Northwest

North by Northwest

Der Diesel brummelt gelassen. Nicht zu fassen, wie sanft Spreewasser am Bootsrumpf entlang rauschen kann. Nicht zu fassen auch, wie gelassen Berliner miteinander umgehen können, sobald sie nicht mit der S-Bahn oder dem eigenen Auto unterwegs sind, sondern mit dem Boot. Dabei herrscht durchaus wochenendgerechter Verkehr; die Schleusen sind voll, und bei der Ausflugsgaststätte mit dem unwahrscheinlichen Namen “Neu-Helgoland” ist zwischendurch zwar vielleicht noch ein Tisch frei, aber kein Anlegeplatz.

Dann wieder Leinen los, und ruhig nimmt Susanna Kurs flussaufwärts, in friedlichere Gewässer. Anker raus in Ufernähe, Badeleiter über die Bordwand, fertig ist die private Badeinsel. Die nächste Gruppe, das nächste Boot liegt mehr als 100 Meter weiter, und neidvoll gucken übergewichtige Brandenburger vom Ufer herüber.

Ab und zu verbrennt ein Irrer überflüssig Treibstoff und schlägt Wellen. Dann wieder Ruhe. Und langsam, ganz langsam nimmt die Haut ein knuspriges Braun an.

Was Berlin-Touristen selten mitbekommen: Berlin liegt am und auf dem Wasser. Und manchmal kommt man sich gar nicht wie in der Hauptstadt (oder seiner Nachbarschaft) vor, sondern an einem verzauberten Ort in einem verzauberten Land.

Aber übernachten kann man wieder zuhause.

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Anfänge

Heike Julia Klein am Montag, 26. Januar 2009, 23:06

Um fünf Uhr morgens stand sie auf, duschte, fönte sich die Haare und zog sich an. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie auf Make-up verzichten sollte, aber es konnte nicht schaden, auch an diesem Tag nicht. Sie schminkte sich sorgfältig und lächelte ihrem Spiegelbild kurz zu.

Es war noch dunkel. Sie kochte Tee und schnitt zwei Scheiben Kuchen ab. Dann legte sie eine CD ein, hörte Musik und sah eine Weile aus dem Fenster. Die Straße war ruhig, niemand unterwegs. Sie trank ihren Tee und aß ein Stück Marmorkuchen. Der Schokoladenüberzug knackte leise, und sie kaute jeden Bissen langsam zu einem süßen Brei, der wohlig nach Kindheit schmeckte.
Sie wollte einen Moment Zeit haben, noch ein wenig Zeit für sich selbst, genau jetzt, an diesem Morgen. Es wurde allmählich dämmrig.

Sie weckte ihren Mann. Er wollte keinen Tee, auch keinen Marmorkuchen.
Um halb sieben fuhren sie los. Sie stellte sich vor, das Krankenhaus wäre ein Hotel, in dem man ein Zimmer für sie reserviert hätte, denn sie mochte Hotels. Dann Untersuchung, schnell, routiniert, ohne viele Worte.
Sie wartete auf ein Ergebnis, aber es kam niemand mehr. Die Nachtschicht wurde abgelöst, wahrscheinlich lag es daran.

Auf dem Flur gab es eine Bank, auf der man warten konnte. Der Flur hatte keine Fenster und auf der Tür der Station stand, der Eintritt sei verboten.
Sie saß neben ihrem Mann und umfasste den Griff der nagelneuen Reisetasche.
Eine Frau kam und gab ihr ein Formular, das sie unterschreiben musste.
Es war ihr egal, was sie unterschrieb.
Eine andere Frau mit Pferdeschwanz und strengem Gesichtsausdruck holte sie schließlich ab und sie standen auf und folgten ihr durch die Stationstür.
Mit einer Mischung aus Stolz und Angst tat sie von jetzt an alles, wozu man sie aufforderte.

Um halb neun sah sie zum letzten Mal auf eine Uhr, die im Flur an der Wand hing.
Dann begann die Zeit stillzustehen. Sie verschwand einfach, genau wie die Gedanken verschwanden, die Gefühle und die Entscheidungen.

Sie lag in einer riesigen Badewanne und sah, wie das Wasser langsam herauslief.
Eine Frau kam und half ihr, aufzustehen. Ihr Mann trug die Reisetasche.
Dann ging sie im Bademantel langsam an einer Haltestange den Flur entlang, sehr langsam. Sie befolgte die Anweisungen der Menschen, die hier das Sagen hatten. Freundlich, aber bestimmt. Eine Nadel in die Vene, ein kleiner Schlauch. Später gab es nichts mehr zu sagen, alles teilte sich von selbst und wortlos mit. Man hatte ihr früh beigebracht, sich zu beherrschen.

Irgendwann sagte sie, sie halte das nicht aus. Zu spät, hieß es, man könne jetzt nichts mehr machen. Plötzlich Aufregung im Zimmer, noch mehr fremde Menschen, die diskutierten. Dann kam ein älterer Mann, vor dem alle respektvoll zurückwichen und sagte, er werde etwas Unangenehmes tun müssen. Sie schrie ihn an, er solle seine Hände wegnehmen, sofort. Er nahm sie nicht fort, ganz im Gegenteil.
Das Zimmer verschwand, die Gestalten wurden undeutlich und sie glaubte, die Flut würde sie verschlingen. Möglicherweise würde sie sterben, dachte sie, aber sie hatte die Augen weit offen und sah überrascht, was in der Flut passiert war.

Dann schrie ihr erster Sohn. Und das Leben war wunderbar.

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Favoriten

Heike Julia Klein am Sonntag, 23. November 2008, 23:18

Als ich anfing, darüber nachzudenken, ist mir klar geworden, dass ich echte Favoriten nur als Kind hatte. Oder mir nur als Kind erlaubt habe, welche zu haben. Später glaubte ich lange, immer furchtbar differenziert sein zu müssen, damit mich überhaupt jemand ernst nähme. Also kam kein Lieblingsthema mehr zustande.

Die Sache mit den Favoriten ist, dass man sich für sie entscheiden muss, denn nur so können sie ja zu Favoriten werden. Lieblingsessen, Lieblingsmusik, Lieblingsfarbe, Lieblingslandschaft. Wie soll man sich dafür entscheiden?

Wenn ich mich für ein Lieblingsessen entscheide, gebe ich ja all den anderen Lieblingsessen keine Chance. Wenn ich mich für Blau entscheide, was wird dann aus grün? Und wenn ich Nudeln sage, entscheide ich mich gegen Reis. Wenn ich Bach sage, entscheide ich mich gegen Mozart. Wenn ich Berge sage, entscheide ich mich gegen das Meer.

Mein Favorit ist, was mir nicht zu viel wird.

Städte können einem zu viel werden, Dörfer werden mir sehr schnell zu viel, Menschen können mir zu viel werden, sogar Kinder können einem zu viel werden, obwohl man das nicht sagen darf, Musik kann einem zu viel werden, Politik kann zu viel werden, Kultiviertheit kann zu viel werden, Bildung kann zu viel werden, Gerüche können zu viel werden, Essen kann zu viel werden, Gespräche können mir zu viel werden, Kunst kann einem zu viel werden, sogar Bücher können mir zu viel werden, Dummheit kann mir zu viel werden, Klugheit kann mir zu viel werden, Licht kann mir zu viel werden, Schatten kann mir auch zu viel werden, der Himmel kann mir zu viel werden, Wolken natürlich, aber auch die Sonne kann mir zu viel werden.Was bleibt?

Das Meer.

Das Meer war mir noch nie zu viel. Im Gegenteil, es hat mir nie gereicht, das Meer. Ich wollte immer noch mehr davon. Das Meer ist das Einzige, was ich ununterbrochen betrachten könnte. Es wurde mir noch nie langweilig, aufs Meer zu schauen. Egal welches Meer. Und vor allem, ich finde es immer schön, egal in welchem Zustand es ist.

Das Meer ist mein Favorit.

Es regt mich auf und macht mich ruhig. Es ist immer schön. Es hat jede Menge Farben. Es ist blau, grün, grau, golden, braun, schwarz, rosa, violett. Es lebt, auch wenn es verletzt wird und jede Menge Dreck aushalten muss. Es regt sich auf, und am nächsten Tag ist es spiegelglatt und ruhig wie ein See, der alles verzeiht. Es riecht nach Wasser, Salz, Wind, Fisch, Sand, Holz, Algen, Öl, Benzin. Und noch nach viel mehr.

Das Meer riecht immer nach der ganzen Welt. Es riecht nach Geburt und Tod gleichzeitig.

Wir lieben es, obwohl es sich nicht im Geringsten um uns kümmert. Es lässt sich von uns lieben, aber wenn es Lust hat, fällt es über uns her, gnadenlos. Ich habe den Verdacht, das Meer lächelt über unsere Strandtage, an denen wir glauben, es sei ein harmloses blautürkisgrünes Paradies, ja,… es lächelt einfach.
Wir haben keine Ahnung vom Meer, auch wenn wir das meinen.

Wir unterschätzen es immer. Das Meer muss es nicht gut mit uns meinen, damit wir es lieben.

Deshalb ist es mein Favorit, das Meer.

Hier in Berlin ist ja kein Meer. Auch wenn es noch so viele Strandbars gibt. Am wenigsten verstehe ich den Bundespressestrand.

Aber dann auf einmal gehe ich an einem windigen, gerade noch sonnigen Mittwoch Ende August die gemächlichen breiten Treppen hinunter im Strandbad Wannsee , schließe meine Augen zu wohligen schmalen Schlitzen und sehe das andere Ufer mit dem Haus der Wannseekonferenz für einen Moment nicht mehr.

Ich bin dann am Strand, das Meer ist da… und ich weiß, für eine Weile muss ich mich für gar nichts entscheiden.

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Rot-Weiß Essen

Konstantin Klein am Samstag, 22. November 2008, 23:00

Die Augen schließen, die Zähne millimeterweise durch das frische Rot schlagen, mit der Zunge Rot und Weiß miteinander mischen, kosten, auskosten. Aromen nachspüren, Süße und Säure genießen, hach ja.

Erdbeeren mit Schlagsahne.

Wahrscheinlich sind es die besten food stylists dieser Welt, die Erdbeeren auf ihren Auftritt vor meinem inneren Auge vorbereiten. Immer sind sie rot, rund, riesig (die Erdbeeren, nicht die Stylisten). Immer sehen sie schon so gesund aus, dass der Mensch sich nie wieder Sorgen um Kalorien  und Vitamin-Mangelerscheinungen machen möchte. Immer liegt ein scharfer Glanz auf dem roten Fruchtfleisch, in das sich die kleinen gelbgrünen Kerne hineinkuscheln. Immer sieht man schon förmlich die Geschmacksexplosion, die sich gleich, jetzt, ja, gleich…

…wenn es nicht nur eine Vorstellung wäre.

Glücklicherweise – und in Hinblick auf Erdbeeren bin ich ein bedingungslos glücklicher Mensch – glücklicherweise schaffen es Erdbeeren und Erdbeerprodukte immer wieder, meinen von der TV-Werbung vor meinem inneren Auge angeheizten Erwartungen, sagen wir, zumindest entgegenzukommen. Wer mich – aus welchem Grund auch immer – lächeln sehen will, braucht nur eines von den folgenden Dingen:
•    Erdbeermarmelade
•    Erdbeereis
•    Erdbeerjoghurt
•    Erdbeerquark
•    Erdbeerkuchen
•    Und eben Erdbeeren, mit Schlagsahne oder ohne, mit Zucker oder ohne, mit Zitronensaft, Alkohol, Pfeffer – oder ohne.

(Tipp für Risikosucher: Erdbeersekt ist die große Ausnahme und führt zur sofortigen Aufkündigung der Freundschaft)

Erdbeeren sind Sommer.

Erdbeeren sind Garten.

Erdbeeren sind Kindheit.

Und jetzt verrate ich ein Geheimnis: Wenn ich, was durchaus vorkam, im Gartenbedarfs-Katalog meiner Mutter schmökerte, waren es nicht die Seiten mit den Kettensägen und Heckenscheren, die mich am meisten fesselten, wie das für einen kleinen Jungen normal wäre; es waren die Seiten mit den Erdbeerpflanzen, die auf den Fotos immer unwahrscheinlich große, runde, rote Früchte trugen. Wie das oft in der Kindheit ist, wurde damals eine lebenslange Obsession gegründet. Oder was man mit Obsessionen eben so macht.

Aber.

Aber es müssen schon echte Erdbeeren bzw. die Aussicht auf den Genuss derselben sein, wenn bei mir die sogenannten Erdbeerphine, ausgeschüttet werden sollen. Grafische, womöglich lustige Darstellungen von Erdbeeren auf Frühstücksgeschirr, Papierservietten, Bettwäsche, Unterwäsche lassen mich kalt, kalt wie…

Vanilleeis. Und auch auf meinem Computer und meinem tragbaren Kommunikationsgerät sehe ich lieber das Abbild eines Apfels. Aber das ist wieder eine ganz andere Obsession.

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Hauptsache, was Deftiges

Heike Julia Klein am Montag, 1. September 2008, 1:15

Kaum etwas habe ich bisher so gefürchtet, wie den Urlaub im eigenen Land. Wenn man in die Jahre kommt, macht man es eben doch, weil man es für eine stressarme Angelegenheit hält. Und weil es da einen früher unbekannten Naturstrand gibt, was etwas heißen will. Und weil einem der August im Süden inzwischen zu heiß ist. Weil die Reisekosten gering sind. Und weil man gleich da ist.

Wenn man ankommt, genügt ein kurzer Blick auf die Autonummern, um zu sehen, was da los ist. Ein einziges ausländisches Kennzeichen stammt aus einem Land, das dem eigenen vermutlich sehr ähnlich ist. Wozu kommen die denn hierher, fragt man sich im Stillen, dort sieht es doch genau so aus wie bei uns. Oder vielleicht sogar besser. Aber es ist beruhigend, dass auch Ausländer den Weg hierher finden. Es wertet den Ort doch gleich auf. Als erstes begegnen einem Verbots- und Aufforderungsschilder mit der Begrüßung “Werte Gäste”, die nicht nur wie aus einer anderen Welt klingt. Der textilfreie Bereich um die Sauna herum, etwa 6 Quadratmeter groß, darf nur mit einem “sichtbar getragenen roten Armband” betreten werden. “Wie könnte man ihn mit einem unsichtbar getragenen roten Armband betreten”, frage ich mich immer wieder. Die Ausstattung ist maritim gehalten, in blau und weiß, mit schmeichelnden goldenen Seepferdchen für das urlaubsreife Gemüt, das doch ein wenig Luxus ahnen möchte. Im nächstgelegenen Lokal gibt es die “wohl besten Waffeln aus Meck-Pomm”. Wir haben sie nicht probiert, ohne zu wissen, warum. Die Eisdiele heißt “San Marco”, und falls sie keine Kapazitäten mehr hat, gibt es gegenüber Mövenpickeis, auch sehr brauchbar. Überall gibt es Fischbrötchen und Schollen und Hering mit Bratkartoffeln, aber auch Erbsensuppe und Currywurst. Die Alternative schlechthin: “Hähnchenstation”, Gott sei Dank. Aber wir wollten ja diesmal nichts Exotisches. Der Edeka ist am Montagmorgen rappelvoll. Es gibt auch noch den Markant-Markt, lieblos, aber preiswert. Eine Pizzeria namens “San Remo”, deren strahlende Mitarbeiter allen Kindern sofort goldene Folienpalmwedelchen überreichen und so begeistert tun, dass einem schwindlig wird.

Am Strand fast ausschließlich Familien mit Kleinkindern. Sächsisch, schwäbisch, thüringisch, das reicht ja dann auch. Im kalten Wasser fast nur Kinder, die das eben noch aushalten.

Der Blick aufs Wasser, die Wellen, doch, es ist schon schön.

Man weiß nicht, woran es liegt, dass hier trotz des manchmal sehr schönen Lichtes keine Träume entstehen. Vielleicht, weil man gehört hat, wie sich ein Sachse und ein Schwabe um den letzten Parkplatz stritten. “Hau doch ab, du Arschloch”. “Ich ruf die Polizei”. “Mach doch, du Arsch”.”Mach ich auch, du Dreckskerl”.

Und so weiter. Deutsche unter sich. Abends Bier und was Deftiges.

Auch im Urlaub. Hauptsache deftig.

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lächeln

Heike Julia Klein am Dienstag, 1. April 2008, 12:45

wenn einer lächelt

werden die anderen unsicher

überprüfen die kleidung

ob alles in ordnung ist

wenn ja

gehen sie weiter

eine spur aufrechter

und fragen sich

ob dieser lächler vielleicht ein irrer war

besonders junge leute

wirken besonders abgeklärt

die entmutigten bleiben gleich zuhause

oder gehen langsam auf und ab

in den grünanlagen

die anderen haben andere probleme

die entscheidung zu treffen

zwischen vierhundert käsesorten

zum beispiel

ist so ein problem.

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Hallenser Zyklus Herbst 1

Heike Julia Klein am Dienstag, 1. April 2008, 12:38

Heute eher Soll-Bruch-Stellen

alles stinkt zum Blassmond

mundwinkeliges Herunterzucken

eingerolltes seltenes Spätsommergrinsen

grenzenlos graubraune Atemnot

wachshäutiges Kind trotzdem lacht

der Instinkt

fährt das rote Auto im Hof

wird die schwarze Katze gestreichelt.

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Bodyguard

Heike Julia Klein am Montag, 31. März 2008, 23:43

Die Inanspruchnahme eines muskelbepackten bodyguards hat schon im Voraus eine kalte Komik.

Vorher gefriert das Lachen zu dem Eis, das, im Nachhinein zu lauwarmem Wasser geschmolzen, etwas Langweiliges haben wird.

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Wohlerzogen

Heike Julia Klein am Montag, 31. März 2008, 23:06

Bald wusste er schon, was sie von ihm wollten, bevor sie es selbst wussten.

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