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Heike Julia Klein am Sonntag, 13. April 2008, 16:40

Besitzerin des beim Ausparken gestreiften Autos verweigert ihre Kontonummer und fordert, man soll ihr Bargeld in eine Kindertagesstätte bringen, “wenn es so weit ist”.

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In Mitte die Schweiz

Heike Julia Klein am Mittwoch, 2. April 2008, 0:18

Es gibt Freunde, die man vorzugsweise nachmittags trifft. Im Café. Das hat Vorteile, unter anderem den, dass man sich immer wieder ein neues Café aussuchen kann, vorausgesetzt, man lebt in einer großen Stadt. Mit der Wahl neuer Orte begegnet man auf elegante Weise der Gefahr, man könnte sich nichts mehr zu sagen haben. Man kann dann auch erst mal eine ganze Weile über den Ort und seine Eigenschaften reden.

Der alte Freund sprach diesmal von einem Terrassencafé am Weinbergsweg. Das allein klang verlockend nach Süden, Sonne und Leichtigkeit. Warum ich es bisher übersehen hatte, das Terrassencafé, wurde mir schnell klar, als ich mich entschlossen näherte. Das Vordach über der Terrasse hat einen sozialistischen Restschwung auf zierlichen Stelzen. Die immer wieder beeindruckend kühle, seltsam unvollendete Eleganz aus den besten Jahren jenes verlorenen Paradieses lässt einen kurz erschauern. Dann jedoch entdeckt man eine Reihe von Liegestühlen in freundlichen Farben, in denen relativ unüberheblich gelassene Menschen liegen, eingehüllt in graue Decken. Ja. Es sind Schweizer Armeedecken. Da ist das weiße Kreuz auf rotem Grund. Man braucht das nur zu sehen und schon atmet man in eine solide Beruhigung hinein, in etwas von Bestand und Erde, und es wird verlässlich warm unter dem Betondach sozialistischer Prägung.

Dass solche Bodenständigkeit eine im Schweizer Dialekt gehaltene Speisekarte und sehr solide Preise hat, nimmt man doch lächelnd in Kauf. Schließlich isst man in Mitte.

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999.999. Besucher

Heike Julia Klein am Dienstag, 1. April 2008, 13:45

Sie sind der 999.999. Besucher und haben gewonnen!

Ignorieren, nicht anklicken, alles Quatsch, die wollen einen nur über den, klar. Gestern wollte ich wissen, was passiert, wenn ich es doch mal anklicke. Name, Adresse, Telefonnummer, E-mail, alles soll ich angeben. Klar, wie soll ich auch sonst an meinen Gewinn kommen. Zögern wegen der zukünftigen Werbeattacken, aber andererseits, gut, also, alles hinschreiben, wird schon nicht so schlimm werden. Da kommen schon die ersten Danksagungen, diese Leute sind wirklich freundlich.

Nach etwa 2 Minuten schreibt mir Yvonne: Sie bedankt sich ganz herzlich und fordert zu weiterem Klicken auf, damit ich an meinen Gewinn komme. Unterwegs könnte ich verschiedene Clubmitgliedschaften umsonst bekommen. Alles ist schon mal mit den richtigen Häkchen versehen, damit ich nicht so viel Arbeit habe. Ich brauche dann nur noch unten den großen Button zu drücken und schon habe ich weitere Gewinnchancen bis hin zu einem Audi, und nicht mal so ein kleiner. Aber wir haben ja schon ein Auto und würden auch keinen Audi fahren wollen. Obwohl die ja gut sein sollen, technisch.

Und dann ist es so weit: Ich habe eine Nilkreuzfahrt für zwei Personen auf einem Fünf-Sterne-Schiff gewonnen. Sonne, Wasser, Liegestühle auf Deck tauchen vor meinem inneren Auge auf. Vielleicht ein kleiner Pool auf dem Deck. Ägyptisches Essen, sicher auch sehr lecker. Pyramiden, Pharaonen, Sphinx, Mumien, diese ganze zauberhafte Welt habe ich gewonnen. Für eine Woche. Ich bin beeindruckt. Nun das Kleingedruckte lesen, muss man ja immer, sonst wird man über den Tisch und so weiter, aber man sollte auch nicht zu kleinlich sein mit diesen Dingen.

Aha, die Anreise ist nicht dabei. Excl. An- und Abreise, steht da. Na ja, klar, aber was soll’s, es gibt ja Billigflüge und überhaupt. Man kann den Flug auch gleich bei der freundlichen Gesellschaft buchen, sollte man sogar, knapp vierhundert pro Nase hin und zurück , das geht doch eigentlich, da kann man nicht meckern und man muss dann nicht ewig nach Billigflügen, und weil, also wegen der Termine, die dann wahrscheinlich nicht zusammenpassen und so. Den Transfer zum Flughafen bieten die auch gleich preisgünstig an, ist ja auch besser als mit dem Auto, das steht dann da ewig im Parkhaus und man zahlt ein Vermögen. Und die Fünf -Sterne-Kabine und das Essen, ich meine, das kostet doch schließlich auch, und das habe ich nun aber gewonnen! Achthundert zu zweit für eine Woche, na ja, aber eben diese ganze Schiffahrt und alles umsonst. Da steht noch was über das Ausflugsprogramm. Klar, Pyramiden, Tal der Könige und so weiter. Was ist das denn: das kostet pro Person nochmal einhundertsechzig Euro extra. Kopfrechnen, also achthundert für den Flug, dann noch dreihundertzwanzig für die Ausflüge, macht also elfhundertzwanzig. Und den Transfer, aber das war eigentlich nicht wirklich viel. Dann kauft man noch dies und das, wenn man schon mal unterwegs ist, also so fünfzehnhundert Euro würde uns die Woche kosten. Zu zweit aber. Wenn man alles zusammenrechnet, ja, also eigentlich ist es so viel ja auch wieder nicht. Zu Hause braucht man ja auch Geld, schließlich, wenn auch nicht, aber.

Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben eine Reise gewonnen. Und das ist ein schönes Gefühl, das ich mir nicht vermiesen lassen werde.

Yvonne hat schon wieder drei E-mails geschrieben. In einer Viertelstunde. Die meinen es wirklich gut mit mir.

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lächeln

Heike Julia Klein am Dienstag, 1. April 2008, 12:45

wenn einer lächelt

werden die anderen unsicher

überprüfen die kleidung

ob alles in ordnung ist

wenn ja

gehen sie weiter

eine spur aufrechter

und fragen sich

ob dieser lächler vielleicht ein irrer war

besonders junge leute

wirken besonders abgeklärt

die entmutigten bleiben gleich zuhause

oder gehen langsam auf und ab

in den grünanlagen

die anderen haben andere probleme

die entscheidung zu treffen

zwischen vierhundert käsesorten

zum beispiel

ist so ein problem.

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Hallenser Zyklus Herbst 1

Heike Julia Klein am Dienstag, 1. April 2008, 12:38

Heute eher Soll-Bruch-Stellen

alles stinkt zum Blassmond

mundwinkeliges Herunterzucken

eingerolltes seltenes Spätsommergrinsen

grenzenlos graubraune Atemnot

wachshäutiges Kind trotzdem lacht

der Instinkt

fährt das rote Auto im Hof

wird die schwarze Katze gestreichelt.

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Bodyguard

Heike Julia Klein am Montag, 31. März 2008, 23:43

Die Inanspruchnahme eines muskelbepackten bodyguards hat schon im Voraus eine kalte Komik.

Vorher gefriert das Lachen zu dem Eis, das, im Nachhinein zu lauwarmem Wasser geschmolzen, etwas Langweiliges haben wird.

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gedankenlos

Heike Julia Klein am Montag, 31. März 2008, 23:15

ich biss in den apfel und las die schlagzeilen

heute wollte ich mir keine gedanken machen

ein tag an dem man nur festhängt zwischen zwei anderen

im laden endlich umwelt wahrgenommen

erstaunliche hausfrauensätze

berechnung der preise

keinem fiel etwas auf

nichts geschah

auf dem heimweg aß ich gierig aus der tüte

und hastete flüchtig grüßend die treppe hinauf

als hätte ich unaufschiebbare dinge im kopf.

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Wohlerzogen

Heike Julia Klein am Montag, 31. März 2008, 23:06

Bald wusste er schon, was sie von ihm wollten, bevor sie es selbst wussten.

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Der Warnschuss

Konstantin Klein am Dienstag, 22. Januar 2008, 16:12

Alterslos. Seit 20 Jahren unverändert leben. Nun gut, die Augen sind nicht mehr so scharf, die Haare nicht mehr mausbraun, der Äquator hat sich verlängert, das linke Knie trägt Reparaturspuren, und fünf Stockwerke sind nicht mehr im Laufschritt zu überwinden. Aber sonst? Noch nicht mal das Gehalt hat sich wesentlich verändert, wenn man es in Relation zur Kaufkraft setzt. 2008 = 1988?

Es hätte gerne die nächsten 20 Jahre so weitergehen können. Job bis zum Ruhestand, dann die Früchte des Lebens ernten und genießen. 2028 ist noch früh genug, dass der Körper ernsthaft zu streiken beginnt.

Von wegen. Kontrollverlust, Hilflosigkeit und Schwäche in der Nacht, und mit 49 ist plötzlich alles anders. Auf einmal sehen die Jahre zwischen 2008 und 2028 nicht mehr aus wie eine glatte, leicht geneigte Strecke, auf der es immer geradeaus geht. Auf einmal sind die Schlaglöcher zu sehen in der Straße des Lebens, die unerwarteten Steigungen – und auch wenn der Mensch die Straßenkarte seiner letzten Jahrzehnte noch nicht kennt, kommt ihm doch der Verdacht, dass die Steigungen steiler und häufiger sein könnten, als noch von diesem Punkt aus sichtbar.

Zeit für einen neuen Plan. Und für einen Warnschuss ohne Nachwirkungen ist der Mensch dankbar. Sehr dankbar.

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Nasskaltdunkelschön

Konstantin Klein am Samstag, 3. November 2007, 23:01

Der gelebte Gruselroman, erstaunlicherweise nicht gruselig: ein Spaziergang im Bruchwald irgendwo im Brandenburgischen. Ein Bruchwald – so lehrt uns die aufgestellte Tafel einer naturkundebewussten Behörde – ist vor allem feucht, meist von unten (Grundwassernähe!), heute auch von oben (Regen!), und geht nahezu übergangslos vom aufgeräumten märkischen Kiefernwald in eine unaufgeräumte Sumpflandschaft mit vielen toten und vielen lebenden Bäumen über. Der städtische Besucher wankt konzentriert über modrige Bohlengänge, die die Naturschutzbehörde durch den Bruchwald legt, um nasse Städterfüße zu vermeiden. Währenddessen senkt sich die Dämmerung schon kurz nach Mittag über die Landschaft.

Im vorliegenden Fall zeichnet sich der Bruchwald auch durch die eher zufällige Auszeichnung von Wanderwegen aus, was zu neckischen Tänzen rund um piekendes Reisig und peitschende Zweige führt. Dann die gemurmelte Ahnung “Ich glaube, wir laufen im Kreis”, die zunächst entschieden zurückgewiesen, dann aber von einem vage bekannten Gartenzaun eines Einheimischen bestätigt wird. Und Trampelpfade, die im Nichts enden, vor Wasserlöchern, an Ufern oder einfach sinnlos durch den Wald gezogenen Zäune. Wer, bitte, trampelt solche Pfade, und warum sehen diese Pfade nie so aus, als ob seit Jahrhunderten Trampelnde fluchend zurückgetrampelt sind, weil (s.o.) die Pfade im Nichts enden.

Und der Regen, hach, der Regen! Durch die Mütze, durch das Kopftuch, durch die ehemalige Haarpracht bis auf die Kopfhaut. Und trotzdem will sich irgendwie keine schlechte Laune einstellen.

Die Ausflugsgaststätte mit heißem Kaffee, warmem Apfelstrudel und knisterndem Kaminfeuer wird aber doch immer wieder gerne genommen in solchen Zusammenhängen.

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